Umwelt im Aufmerksamkeitsfokus der Musik

Die Erde ruft – um Hilfe?

Mal wie das gärende Schlammloch eines Geysirfeldes, mal wie Warnschreie von Vögeln oder Froschquaken tönt unter James Judds Leitung das Didgeridoo von William Barton, einem Aborigines-Nachfahren, mit dem New Zealand Symphony Orchestra beeindruckend umgesetzt, in einer (vor allem für seine Entstehungszeit) unkonventionellen, da rituelle Musik und Tiergeräusche „unmittelbar“ abbildenden Orchesterkomposition Peter Sculthorpes.

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Als Meister des Didgeridoos, das die Magie des ‚Lebewesens‘ Erde beschwört, erweist sich William Barton in der Wellingtoner Aufnahme von Sculthorpes ‚Earth Cry‘ aus dem Jahr 2003 (Spieler im Pariser Jardin des Plantes, Chris Waits, 4.4.2011, CC-Liz.).

Die Rufe der lebendigen und vor Ausbeutung zu schützenden Erde, auf die das Volk der Ureinwohner Australiens hörte, gelangen hier zu einer ebenso konzentrierten wie dramatisch aufgeladenen Form, deren vier Teile beim anfänglichen Hören disparat scheinen: Earth Cry (1986) experimentiert nicht nur mit den eher geräuschhaften Klangspektren des Instruments der Aborigines einschließlich diverser Trommeln, sondern auch mit sich reibenden Klangflächen, die das harmonische Gerüst ebenso wie die Zeitproportionen verzerren. So entsteht ein durchaus stimmiges, zwischenzeitlich episch weitgedehntes Audio-Szenario der abwechslungsreichen Landschaften, die der Tasmanier sowohl in seiner Heimat als auch in Südaustralien beständig vor Augen hatte.

Akustische Landschaftsimpressionen von starker Leuchtkraft schuf der Komponist Peter Sculthorpe (Jg. 1929; Sun Music, Danielle Bergstrom 2008, Azorella, CC-Liz.).

Instrumentale Kompositionen über Geologie, Geographie und Klima der Erde machen besonderen Sinn – und zwar nicht erst in der Moderne -, da die Erzeuger der Geräusche selbst zum einen aus „irdischem“ Material geformt sind, zum anderen Töne der kreatürlichen Umgebung bewusst imitieren. Auch in Kakadu (1988) und From Oceania (1970/2003) bewegte sich Peter Sculthorpe im Bannkreis des Naturerlebens, dessen Intensität bei einigen seiner zahlreichen Schüler noch gesteigert erscheint. Außer seinen singulären und prominenten programmatischen Beiträgen leuchtet im 20. Jahrhundert die thematisch verwandte Anrufung und Beschwörung der Erde in Strawinskys Ballett Le Sacre du Printemps (1913) auf, das in eine nebulöse Vorzeit Russlands zurückentführen wollte.

Die musikalische Verknüpfung von Mythologie und Naturerleben leistete der Isländer Jón Leifs (Hekla und andere Orchesterwerke, B002WPKJGG, BIS 1999).

Die Beispiele für Wertschätzung und Verehrung von Gaia oder „Mutter Erde“ sind zahlreich, spiegeln sich auch in den Anverwandlungen der vier Elemente, etwa durch Jean-Féry Rebel, und weiten sich gelegentlich ins Kosmische aus, wofür stellvertretend Anders Brødsgaards orchestrales Milchstraßen-Epos Galaxy (1990-99) zu nennen ist. In Jón Leifs Werk verband sich hingegen – wie bei etlichen anderen Komponisten Nordeuropas, zum Beispiel Sibelius und Grieg – die Faszination der Erdwunder eng mit der Folklorerezeption, in seiner Island-Ouvertüre ebenso wie in dem besonders sinnfälligen Orchesterstück Geysir, in den Variazioni pastoraleHekla und der Landsicht-Ouvertüre mit Männerchor von 1955.

Athena nimmt aus den Händen der Erdmutter Gaia den Knaben Erichthonios in Empfang (Hermonax zugeschriebene Vase, Inv. 2413, Staatliche Antikensammlungen München).

Ritus und Gesang, Mythos und Magie, Natur und Kultur sind auch in den Diskursen der Moderne und Gegenwart häufig interdependent verbunden. Die Musik ist ihres prozeduralen Charakters wegen als Kunst geeignet, Vorgänge, Katastrophen, Wechsel, Veränderungen und Neuformierungen in der Natur eindrücklich zu dokumentieren.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.