Interview mit Bruce Soord (The Pineapple Thief)

The Proxy Wars

The Pineapple Thief: „Dissolution“ (Kscope/Edel)

Mit dem zwölften Album seiner Karriere als weitestgehend alleiniger Herrscher über das Wesen und Wirken von The Pineapple Thief gelingt dem Briten Bruce Soord erstmals ein in sich vollkommen geschlossenes Werk, das indes nicht allein aufgrund seiner Kohärenz überzeugt. Angespornt von der Kollaboration mit Gavin Harrison, dem (noch) ungekrönten König des modernen Progrock-Schlagzeugspiels, besticht Dissolution (Kscope/Edel, ab Freitag) mit seiner schlichtweg ergreifend sinnfälligen Verquickung von Form und Inhalt. Wobei der Hauptverantwortliche im Gespräch zugeben muss, dass sein jüngster Wurf einer gewissen Widersprüchlichkeit nicht entbehrt. Ein Umstand, mit dem er indes sehr gut leben kann, so seine künstlerische Integrität davon unbehelligt bleibt.

„Es ist schon eigenartig“, gibt Bruce Soord unumwunden zu, „auf der einen Seite verdankt sich der Entstehungsprozess des neuen Albums den modernen Kommunikationsmedien, während die Texte sowie das gesamte Setting andererseits dazu auffordern, sich ihnen zu entziehen.“ Die Janusköpfigkeit unserer auf ständige Verfügbarkeit und rapiden Austausch geeichten Zeiten, deren digitale Optionen noch weit über das gemeinhin Vorstellbare hinausreichen, ist dem auf seinen früheren Alben eher zurückhaltend argumentierenden Musiker durchaus bewusst. Bis hin zu der Tatsache, dass indem auf Dissolution eine Auseinandersetzung mit den „Proxy Wars“ stattfindet, diese mithin nicht nur Einzug in die Narrative seiner Songs genommen haben. Sondern sie gleichsam dominieren. Tja.

„Im Nachhinein kann ich dem Album eine gewisse Selbstironie nicht absprechen. Während sich inhaltlich fast alles um den Verlust von menschlicher Empathie vor dem Horizont des permanenten Scheinaustauschs dreht, haben wir während des Produktionsprozesses unzählige Files untereinander verschickt.“ Das stimmt nicht nur ihn nachdenklich, zumal seine Mitstreiter – neben besagtem Gavin Harrison (Porcupine Tree, King Crimson) Bassist Jon Sykes und Keyboarder Steve Kitch – dem Vernehmen nach keinerlei Form der Nähe vermissten, als jeder für sich – in seinem eigenen Studio – die Komponenten von „Dissolution“ entstehen ließen, ohne einander tagtäglich leibhaftig zu begegnen.

Immerhin, so möchte man einwenden, wurde dabei die Privatsphäre gewahrt. Kein einziger File wurde im Laufe seines internen Austauschs offenherzig der Öffentlichkeit preisgegeben. Also funktioniert die Wahrung des Privaten im Internet doch? Bruce Soord muss zugeben, dass diese Vermutung angesichts von großflächigen Wahlmanipulationen sowie der überaus gezielten Streuung von Fake News der Blauäugigkeit nicht entbehrt. „Es kehre jeder vor seiner eigenen Tür. Meine beiden Kinder sind leider auch überaus anfällig für die Reize, die ihnen das digital Vermittelte bietet. Ich selbst blicke da kaum noch durch. Es ist furchtbar.“

Aber Bruce Soord versinkt aufgrund dieser Umstände nicht in die sich bietenden Vorformen der Resignation. Sondern lenkt lieber zu den Vorzügen zeitgenössischer Kommunikationstechnologie ein, die ihn im Zuge seines neuen Albums zu dem bislang überzeugendsten Vermächtnis seines Schaffens befähigt haben. „Im Prinzip war jedes meiner Alben zuvor eine Art Neuanfang. Ich habe immer meine Selbstzweifel einfließen lassen, habe die Hörer an meinem Selbstfindungsprozess beteiligt. Mit ‚Dissolution‘ bin ich nun endlich an einen Punkt gelangt, den ich nicht weiter hinterfragen muss.“

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