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Ein paar Platten, die wir heute brauchen

Ian Gillan: „Ian Gillan & The Javelins“ (e-a-r Music)

Ab und an erweist es sich als lohnend einmal darüber nachzudenken, wie sehr sich „unsere“ Gesellschaft mit Ausdrucksvielfalt brüsten könnte, während andere Kulturkreise sich im wertkonservativen Gegensatz – und offiziell – allein um an- oder vorgeblich „eigene“ Wurzeln zu drehen haben. Achten wir darauf, dass dieses Nachdenken nicht zur Selbstgefälligkeit führt. Denn sonst könnte es gut sein, dass die inflationäre Vielfalt in ein Einheitsdenken mündet, das dem leblosen Diktat unterworfen wird – und eben nicht mehr dem Liebäugeln dient. In diesem Sinne, einige Vorschläge zum Verzehr.

Ian Gillan & The Jevellins (e-a-r music/Edel)
Eine der markantesten Stimmen der Rock-Geschichte (so far) kehrt zu seinen Beat-Wurzeln zurück. Und zu ihren Kollegen, die mit ihr durch die Pubs und Clubs zogen, bevor sie der Ruf von Deep Purple ereilte. Wenn das nicht mal im besten Sinne sensationell ist! Einzig die merkwürdigerweise arg steril wirkende Produktion schmälert das Vergnügen, Ian Gillan in einem von sämtlichen Erfolgskontexten befreiten Ambiente zu lauschen. Ohne seine gesanglichen Qualitäten extrapolieren zu wollen, macht er Mucke. Weil es Spaß macht. Und wir dürfen daran teilhaben. So soll es sein. Die letzte Runde wird vertagt.

facebook.com/iangillanofficial

Scoff: „Ikarus“ (Daredevil Records)

Scoff – Icarus (Daredevil Records)
In gut informierten Kreisen dürfte das Duo aus München namens Scoff bereits als guter Begriff reüssieren. Die beiden Vorgängeralben zu ihrem soeben erschienenen Meisterwerk IcarusReverse Universe und Lambda sorgten für Reputation. Doch Icarus überstrahlt alles zuvor Dagewesene: Mit atemberaubendem Harmonieverständnis gespickt, entziehen sich Christian Zahler und Malte Minke jeglichem Plagiatsvorwurf. Emanzipieren sich von ihren sich von Postrock, Sludge und Metal genährten Einflüssen. Und legen ein Album vor, das kalte Schauer auf liebevolle Umarmungen prasseln lässt. Nichts für einfältige Gemüter! Für zarte – indes – durchaus.

facebook.com/SCOFFrocks

Tangled Thoughts Of Leaving: „No Tether“ (Bird’s Robe Records)

Tangled Thoughts Of Leaving – No Tether (Bird’s Robe Records/Dunk!)
Wer es noch eine Spur gravierender bevorzugt, sollte zum neuen Album der Westaustralier Tangled Thoughts Of Leaving greifen. Und daran bestenfalls reifen. Oder auch sich vollkommen verjüngen. Denn während die vorherigen Alben des Quartetts auf maximale Zermürbung ausgerichtet zu sein schienen, überzeugt No Tether mit einem subtilen Touch, der latent zur Euphorie einlädt. Mag sein, dass die direkte Einspielung (ohne vielen Overdubs oder ähnlichem Schnickschnack) mit zu einem Eindruck beiträgt, der eher erheitert, statt zu deprimieren. Oder erhebt, – trotz und wegen der rein instrumental vorgetragenen Sujets. Die einzige bekannt gewordene Referenz: Caspian. Well done.

Great Lake Swimmers: „The Waves, The Wake“ (Nettwerk/Warner)

Great Lake Swimmers – The Waves, The Wake (Nettwerk/Warner)
Schon der von einem Blasquartett umspielten Opener – The Talking Wind – macht klar, dass die zuletzt doch eher von Unverbindlichkeit geprägten Zeiten des GLS-Chefdenkers Tony Decker passé sind. Endlich wahrt die im weitesten Sinne dem Folk-Pop zuzuordnende und schon seit nahezu zweieinhalb Jahrzehnten aktive Band wieder sämtliche Hoffnungen, die in sie seit ihren Anfängen gehegt wurden. Nähe statt Ausflüchte. Dramaturgie statt lapidares Leiern. Kraft, selbst in den nur angedeuteten Momenten. Townes Van Zandt würde applaudieren, unsereins will und sollte einstimmen: Alone But Not Alone.

facebook.com/greatlakeswimmers

The Gardener & The Tree: „69591, LAXA“ (Universal)

The Gardener & The Tree – 69591, Laxå (Universal Music)
In eine ähnliche Kerbe wie die Great Lake Swimmers schlagen auch The Gardener & The Tree, wenn auch eindeutiger an Stadion-Begeisterung geknüpft (…) und anhand von Manuel Felder mit einer Stimme gesegnet, die sich imperativ einbrennt. Wenn es den Schweizern gelingen sollte, auf ihrer im Frühwinter anstehenden Tour die auf ihrem Album omnipräsente Direktheit zu wahren (und davon sollte man ausgehen), geht hiermit eine Band an den Start, die standardisierte Formen aus Rock, Folk und Country allein als Mittel zum Zweck bedient – und somit befähigt ist, Hörgewohnheiten lustvoll zu durchbrechen. Potenzial ohne Ende! Das Debüt-Album ist heute schon mehr wert als alles Gold der Welt.

facebook.com/thegardenerandthetree

Das Paradies: „Goldene Zukunft“ (Grönland/Rough Trade)

Das Paradies – Goldene Zukunft (Grönland/Rough Trade)
Doch Florian Sievers lässt keine hinterhältigen Zweifel zu: Das Goldene der Zukunft ist und bleibt ständig zu hinterfragen, damit es nachher nicht noch versilbert wird. „Ich bin das Schlimmste, was euch passieren kann / ich bin nur der Schimmer eines Irgendwann“ – wer lyrisch derart in ein Album einsteigt, braucht sich nicht dafür zu schämen, dass auch der weitere Verlauf ohne Plattitüden auskommt. Mag Das Paradies auch schwer „vermarktbar“ sein, wäre es zu wünschen, dass dem Paradies beschieden wäre, die Pharsendrescher in den aktuell obersten Chart-Segmenten abzulösen. Irgendwo zwischen Tocotronic und Rainhard Fendrich, im Irgendwann.

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Delta Sleep: „Ghost City“ (Big Scary Monsters)

Delta Sleep – Ghost City (Big Scary Monsters/Alive)
Bei dieser von Das Paradies vorgegebenen Daseinsversessenheit tut es wohl, einer Band zu lauschen, die „einfach nur Musik“ macht. Et voilá: Delta Sleep aus Brighton. Gerne wird ihr der Hang zum Math Rock unterstellt, aber – ähnlich wie etwa Trans Am – gelingt es ihnen, aus der Komplexität eine griffige Essenz zu destillieren. Das vom Papier her gebrochen Verkopfte gerät ihnen zu einer auch emotional verbindlichen Einladung zum Schweifen lassen … von Gedanken, Worten und Werken. Bleibt nur zu hoffen, dass sie bald wieder den Weg auf hiesige Bühnen finden. Denn „live“ ist ja bekanntlich alles besser, was bei diesem – auch en detail – fantastischen Album kaum zu glauben sein mag. Nächste Station: Ghost City.

facebook.com/deltasleepband

Villa Noise: „Stories“ (Quasielectric/H’Art)

Villa Noise – Stories (Quasielectric/H’ART)
Mehr als nur ein Quäntchen direkter stimuliert das Kölner Trio an die Ausschüttung von Serotonin und ähnlichem Zeug. Dass die Produktion noch ein wenig hausgemacht anmutet, tut dem Impact ihrer hochmelodischen – und sich dabei im Hinblick auf Genre-Zuordnungen um einen trockenen Eimer scherenden – Songs keinerlei Abbruch. Villa Noise klingen, als hätten die Kinks oder gar die Beatles eine Prise (zu viel?!) an Tortoise oder auch Mogwai abbekommen. „Zu viel des Guten ist wundervoll“, so formulierte es einst Liberace. Im Sinne von Villa Noise sollte er recht behalten.

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The Necks: „Body“ (Fish Of Milk/ReR Megacorp)

The Necks – Body (Fish Of Milk/ReR Megacorp)
Wenn lebende Legenden jammen, bedarf es keiner großen Worte, um das Vergnügen, ihnen zuzuhören, in Worte zu kleiden. War das jetzt ein Armutszeugnis eines Kritikers? Ein Ausweis von Faulheit, sich nicht intensiv mit den in vier Sektionen aufgeteilten Album (Body) der australischen Querdenker auseinandergesetzt zu haben? Während Analytiker womöglich nicken, sollten Genießer schon verstehen, dass Tony Buck, Chris Abraham und Lloyd Swanton der Exegese kaum bedürfen. Der Sog macht sprachlos, Jazz war gestern.

facebook.com/TheNecksMusic

Unzucht: „Akephalos“ (Out Of Line/Rough Trade)

Unzucht – Akephalos (Out Of Line/Rough Trade)
Gilt diese Gestrigkeit auch für den Dark Rock? Dem deutschsprachiger Prägung? Wer das fünfte Studio-Album von Daniel de Clercq, dem Schulz und den beiden anderen Spießgesellen vernimmt, muss diese Frage in Bausch und Bogen verneinen. Textlich in der hiesigen Peripherie ganz weit vorn, musikalisch extrem hart bis zart, ohne auch nur ein Rammstein-NDH-Klischee zu bedienen. Das gelingt dieser Tage nur Unzucht. Tour im Herbst.

facebook.com/Unzucht

„Auf dass uns der Morgen Rettung bringt“ (Unzucht)

Auch in diesem Sinne: Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

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