Amusio Assessment Center (2)

10 x Glück in Scheiben

Luc Stargazer: „Lunascape“ (Reptile Music/Altone)

Ist meine Frau im Jenseits glücklich?“, fragt der Witwer das Medium. „Ja, sie ist sogar sehr sehr glücklich“, erwidert es. „Was macht sie denn gerade?, bohrt er weiter. „Nun, lassen Sie es mich so ausdrücken: Es gibt Sex nach dem Tode.“ Sollte diese Abwandlung eines „gespielten Witzes“ von Didi Hallervorden nicht die Gemüter (zumindest ab Agnostiker an aufwärts) zu zweierlei ermuntern? Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ob im Himmel nur Engelschöre – und in der Hölle nur Motörhead – zu vernehmen sind, bleibt individuell vorerst ungeklärt. Darum sollten wir im Diesseits unserem Glücke Gutes tun. Und möglichst viel … Musik hören. Hierzu nun einige Anregungen.

Luc Stargazer – Lunascape (Reptile Music/Altone)
Das kosmonautische Setting täuscht: Bis auf einige sphärisch gehaltene Interludes ergeht sich die Dresdner Band um den nach wie vor bei den Whispers In The Shadow aktiven Lazy Schulz im resolut knackigen Postpunk-Drive, der zudem seine Gothrock-Neigungen kaum zu verhehlen vermag. Auch wenn dieser Sound dieser Tage Überhand zu nehmen scheint, überzeugt das Debütalbum mit durchgängig zündenden Songs, die de facto keinerlei (lunaren) Überbau bedürfen, um eine emotional fundierte Suchtwirkung zu erzeugen. Zumal die eigenhändig vorgenommene Produktion – statt auf genretypisch verschwommene Uneindeutigkeiten – auf eine glasklar abgeklärte Transparenz gezogen wurde. Ferner wartet der geneigte Hörer im Verlauf der Scheibe vergeblich auf einen allmählichen Abriss der Präzision in Sachen Catchyness und Flow. Highlight unter Seinesgleichen.

facebook.com/lucstargazerband

Moto Toscana: „Moto Toscana“ (Tonzonen Records/H’Art)

Moto Toscana – s/t (Tonzonen Records/H’Art)
Öfter mal was Neues: „Sludgefunk“ und „Discodoom“ nehmen anhand von Bass (Michi), Schlagzeug (Chrisch) und Gesang (Andy) Einzug in die Welt. Und – diese interessant klingende Schubladen-Kombination hält, was sie verspricht. Zwar überwiegt die Verankerung in den Sludge-Gewässern, doch die durchtriebene Rhythmik (fucking funky), vor allem aber die brutale Dominanz des Tieftöners statuieren ein Exempel der besonderen Art. Wo vergleichbare Kollegen von … bis … noch nach Blut, Schweiß und Tränen bohren, erweisen sich Moto Toscana als Fracking-Pioniere. Dennoch dürfte es nicht zu Berührungsängsten zwischen den Fronten kommen. Hierzu klingen Moto Toscana – auf eine in gewisser Weise doch wieder erfreuliche Art – konventionell. Aber eben nicht allzu vertraut. Und erst recht nicht beliebig austauschbar. Mit der Bitte um reges Touren und blubbernden Grüßen.

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42DE: „Fall Of The Moon“ (Fluttery Records)

42DE – Fall Of The Moon (Fluttery Records)
Ist es schon soweit? Erfährt der Postrock gemäßigt expressiver Art seine erste Renaissance? Nachdem das inflationäre Aufkommen entsprechender Lieferanten vor wenigen Jahren zu einer Übersättigung führte, die sich allein durch eine strenge Abstinenz eventuell wieder hätte ausgleichen lassen? Nun, das Quartett aus Palermo zieht sich diesen Schuh weder an, noch macht es einen Schuh draus. Sondern spielt mit einer Unbekümmertheit auf, die Glauben macht, es wüsste nichts um die Legionen seiner Vorläufer und Kombattanten. Die Strukturen: Nicht zu dick auftragend, eher vornehm zurückhaltend. Nicht zu klebrig die Melodien, – vielmehr leicht vertrackt und zumeist nur auf indirekten Wegen zum Ziel führend. 42DE machen es weder sich selbst, noch dem Hörer zu einfach. Das nötigt Respekt ab. Und fühlt sich tatsächlich erfrischend an.

facebook.com/42DEband

The Amity Affliction: „Misery“ (Roadrunner/Warner)

The Amity Affliction – Misery (Roadrunner/Warner)
Hochgezüchteter Hardcore-Pop als profan auszuquetschende Erfolgsformel? Könnte man kursorisch urteilen. Doch dann würde man im Falle der drei Jungs aus Brisbane jene sich auf Misery manifestierende Raffinesse ignorieren, mit denen sie ihr Konzept immer wieder gekonnt unterlaufen. Haken schlagend, ungeahnte Tiefen einflechtend, das Gewohnte drangsalierend. Natürlich ohne dabei ein allzu großes Risiko einzugehen. Sie wahren die Balance, loten indes das für sie Machbare aus. In blasierter Diktion könnte man von einer „musikalischen Weiterentwicklung“ sprechen. Stagnation klingt jedenfalls anders. Und weniger anregend, – als dieses Album, das vor brüskierend attraktiven Songideen nur so strotzt. Im Herbst auf Europa-Tour, auch in Deutschland.

facebook.com/theamityafflictionofficial

Ian Fisher: „Idle Hands“ (Ian Fisher Music/Broken Silence)

Ian Fisher – Idle Hands (Ian Fisher Music/Broken Silence)
Von Missouri nach Berlin: Der einst als nüchtern-neugieriger Folk-Sänger auf Europa-Reise gegangene Ian Fisher legt mit seinem in der Spreemetropole entstandenen, siebten Album das Dokument eines vollzogenen Wandels vor. Aus einer sich sukzessive entwickelten Vertäuung von Americana und amerikanisch determinierten Adult-Pop (Jackson Browne, Steve Miller et al) schält sich nunmehr ein verblüffend unverbrauchtes (um nicht zu sagen zeitgemäßes) Fasson heraus, das keine Gelegenheit auslässt, das inzwischen verbriefte Selbstvertrauen ins Schaufenster zu stellen. Und es fällt schwer, nicht stehenzubleiben, um hineinzuschauen. Und sich an den Köstlichkeiten zu weiden, die hier in ein absolut vorteilhaftes Licht gerückt wurden. Dabei spielt Ian Fisher nach wie vor mit offenen Karten, seine Songs (um die es nach wie vor alleinig geht) erscheinen nicht nur zum Greifen nah. Sondern packen sanft zu, umgarnen mit detailliert ausstaffierter Emphase und einem insgesamt zuversichtlich stimmenden Setting. Trotz und alledem. PS: Ian Fisher ist auf Tour!

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Duncan Evans: „Prayers For An Absentee“ (Auerbach Tonträger/Prophecy Productions/Soulfood)

Duncan Evans – Prayers For An Absentee (Auerbach Tonträger/Prophecy Productions/Soulfood)
Der frühere Gitarrist von A Forest Of Stars (die dieser Tage mit Grave Mounds And Grave Mistakes ebenfalls ein herausragendes Album veröffentlichen) versprüht auf seinem zweiten Solo-Album zunächst das Flair neo-folkiger Okkult-Americana nach Art der legendären Changes. Fängt also schon mal sehr vielversprechend an. Doch dann geschieht das Unerwartete: Duncan Evans stattet sein Klangbild nach und nach immer komfortabler aus, lässt es mal krachen, mal geradezu triumphal aufwallen. Ohne sich dabei den vollkommenen Fokus auf den jeweiligen Song zu verschleiern. So führen seine Expansionen letztlich zum schillernd illustrierten Verständnis des Kerns seiner Anliegen, die er textlich wiederum ambivalent ausgestaltet. Wo ansonsten immer wieder gerne der Mut zur Reduktion gefeiert wird, schmeißt in diesem Falle der Wille zur blumigen Ausgestaltung (siehe auch das vielsagende Artwork von Irrwisch) eine Party, über die sich noch länger nachzudenken lohnt.

facebook.com/duncanevans.music

Yoav: „Multiverse“ (popup-records/Soulfood)

Yoav – Multiverse (popup-records/Soulfood)
Und noch ein Singer/Songwriter, der Standardformate sprengt: In Tel Aviv geboren und in Kapstadt aufgewachsen, hat er sich für sein bereits viertes Album mit dem dänischen Produzenten Illinton auf Ibiza niedergelassen, um etwas zu erschaffen, das sich von so ungefähr allem Bekannten abgrenzt. Und dennoch auf Anhieb ozeanische Gefühle der Vertrautheit (oder des in ihr Ertrinkens) auslöst. In einem überragend inszenierten Klanggewand kommen sie daher: Songs, die auf einem nach wie vor puristischen Fundament mit äußerster Präzision Tiefbass, zahllose elektronische Einsprengel und trippige Beats amalgamieren – und so zur sofortigen Einfühlung auffordern. Oder auch zum gepflegten Tanz – in den Echoräumen zwischen diffuser Gewissheit und herrlichem Zweifel. Doch Vorsicht: So sehr Yoav auch Hochglanz abstrahlt, wird schnell deutlich, dass er durchaus auch ein Faible für dunkle Argumente hegt. Merke: Auch Freudentränen können bitter schmecken.

facebook.com/Yoavmusic

Ital Tek: „Bodied“ (Planet Mu/Cargo)

Ital Tek – Bodied (Planet Mu/Cargo)
Was wurde doch der Antezessor Hollowed an dieser Stelle in höchsten Tönen gelobt! Doch der ehemalige Techno-Schöpfer Alan Myson alias Ital Tek hält mit Bodied nicht nur das sich selbst verschriebene Niveau. Sondern verpasst seinem von listigem Bombast durchzogenen Signatur-Sound gleich eine komplett neuartige Taxonomie. Es ist vor allem der beherzte Einsatz von „echten“ Instrumenten (Streicher, Harfe, Gitarren) sowie von Choral-Arrangements der hier das immersive Element prachtvoll aufbauscht und in geradezu sakral anmutender Manier unterfüttert. Und dies so derart fulminant, dass als erste Reaktion oftmals nur die Flucht in onomatopoetische Beifallsbekundungen bleibt: „Boh! Wow! Uh! Ah!“ Wie formuliert es Ital Tek: „The music focusses on the interplay between the minuscule and the vast, beauty and brutalism.“ Und der Glaube an die Auferstehung im Hier und Jetzt gewinnt wieder an Glaubwürdigkeit.

facebook.com/italtek

Trondheim Voices & Asle Karstad: “ Rooms & Rituals“ (Grappa Musikkforlag/Galileo Music Communication)

Trondheim Voices & Asle Karstad – Rooms & Rituals (Grappa Musikkforlag/Galileo Music Communication)
Zehn Gesangsstimmen im (scheinbar) leeren Raum. Hochgradig dezente Effekte und Sounds (Asle Karstad) als Beigabe – schier unfassbare Ergebnisse! Zwischen ätherischer Entrückung und zermürbender Chaos-Beschwörung. Der technische Clou – der Einsatz von „Maccatrol“-Boxen, die es jedem Vokalisten ermöglicht, die eigenen Stimme nach Gusto in Echtzeit zu manipulieren – sei quasi nur am Rande erwähnt. Ist doch egal, wo sie herkommt, wie sie erzeugt wurde … diese Musik, welche die Grenzen zwischen Tonalität und Atonalität ignoriert, und – angemessen bildhaft formuliert – Kontrastfolien im Gegenlicht verglimmen lässt. Letztlich eine Ontologie fernab jeglicher Nomenklatur. Sprachlose Stimmen, beredtes Schweigen im Auditorium.

facebook.com/trondheimvoices

Oliver Coates: „Shelley’s On Zenn-La“ (RVNG Intl./Cargo)

Oliver Coates – Shelley’s On Zenn-La (RVNG Intl./Cargo)
Der hoch dekorierte Cellist und Komponist hat den Bogen raus. Und kriegt doch den Hals nicht voll. Anstatt sich um seine akademisch verbriefte Karriere zu kümmern, musiziert er mit Radiohead oder dem Rapper MF Doom. Und widmet sich zu alledem dem weiten Feld zwischen elektronischer Musik und Elektroakustik. Sein Cello dabei (nicht selbstverständlich) stets im Anschlag. Im Prinzip erobert der Brite auf jedem Track seines nach einer Kneipe auf einem Phantasie-Planeten benannten Album Neuland. Etikettierungen dürfen gerne an der Garderobe abgegeben werden. Komplex, widersinnig, erschütternd, zur flotten Sohle auffordernd. Und dabei – ausgesprochen gewitzt. Gut vorstellbar, wie Oliver Coates während der Aufnahmen über sein eigenes Schaffen ins Schmunzeln geriet. Nachvollziehbar allemal. Wo ist der Choreograph, der diesen irren Tanzaufforderungen auf seine Tutu- und Strampelhosenträger loslässt?

olivercoates.bandcamp.com

Beehren Sie uns bald wieder.

 

 

 

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