Töne aus den Staaten: New England, Rhode Island, Connecticut, New York

„Indie-Klassik“: Neueste Trends der US-Kunstmusik

Crossover wäre ein (falsches) Attribut für seine Musik, das Nico Muhly nie dulden würde, denn er bezeichnet sich selbst als jemanden, der auf ganz normale Weise eigene Musik macht, die sich an den Rändern freilich „ausdehnen“ kann und somit nicht auf herkömmliche Weise zu klassifizieren ist. Der in Vermont 1981 geborene und im Staat Rhode Island aufgewachsene (einstige) Kirchenchorsänger studierte schon mit 10 Jahren Klavier, später folgten Kompositionskurse bei John Corigliano und Christopher Rouse an der New Yorker Juilliard School.

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Nico Muhlys Oper erschien als Doppel-CD 2014, eingespielt mit dem Metropolitan Orchester sowie Chor und dem Dirigenten David Robertson (B00MQVRZQ8, Nonesuch Records).

Wollte man Muhlys bisheriges Werk dennoch näher charakterisieren, so lässt sich eher von parallel und zeitlich versetzt ablaufenden Arbeiten auf dem Bereich der Kunstmusik als auch der Pop-Musik sprechen. Die Kooperation mit Björk und andererseits Philip Glass macht deutlich, dass er sich außerdem mit Künstlern trifft, die keinem anderen Genre als dem persönlich maßgeschneiderten verpflichtet sind und somit zwischen allen Stühlen sitzen. Der Wechsel ergibt sich aus vielerlei Möglichkeiten, die sich ihm seit einem Auftragslied der Colorado Academy für ihr neues Domizil eröffnen. So schrieb er einerseits mit dem Librettisten Craig Lukas die musicalartige, irgendwo zwischen John Adams und Philip Glass anzusiedelnde Oper Two Boys, uraufgeführt 2011, zwei Jahre zuvor hatte er Chor- und Streichquartettarrangements aus vier Liedern der Indie-Rockband Grizzly Bear fabriziert. Aus den Aufführungsangeboten ergibt sich ein ebenso häufiger Wechsel zwischen den Kontinenten: Die Oper etwa wurde zuerst an der englischen Nationaloper gegeben, dann an der Met.

Die Komponistin Missy Mazzoli anlässlich der Premiere ihrer Oper ‚Proving Up‘ im New Yorker Kennedy Center (19.1.2018, Ser Amantio di Nicolao, CC-Liz.)

Missy Mazzoli, die ebenso wenig Gattungsgrenzen kennt, lehrte bereits als Sechsundzwanzigjährige an der Yale School, bevor sie für vier Jahre das MATA Festival in New York City leitete. Mit ihrer eigenen Band Victoire produzierte sie zwei Alben, Cathedral City (2012) und Vespers for a New Dark Age (2015), ergänzt um die Mitwirkung des namhaften Perkussionisten Glenn Cotche. Nach Song from the Uproar (2012) und Breaking the Waves (2016) ging am 19. Januar 2018 ihre dritte Oper Proving Up nach einer Kurzgeschichte von Karen Russell – im Auftrag unter anderem der Washington National Opera  – mit der Sopranistin Talise Trevigne und dem Bariton John Moore über die Bühne. Schon Mazzolis erste Oper wurde als innovatives Klangereignis gefeiert und von der Presse als ebenso meditativ wie subversiv beschrieben.

Nico Muhly (geb. 1981) bei einem Konzert mit seinen Co-Musikern Sam und Thomas im Union Chapel (29.9.2014, Steven Psano, CC-Liz.)

 

 

Mit dem vagen Label der „Indie-Klassik“ wird immer wieder auch die Musik von Judd Greenstein, Jahrgang 1979, beschrieben, der ebenfalls den Schwerpunkt seines Schaffens nach New York verlegt hat. An der Oberfläche geben sich seine Kompositionen als Pop-Kunst zu erkennen, während sich ihr rhythmischer und harmonischer Hintergrund, wie Kyle Gann es charakterisierte, hoch komplex gestaltet, etwa durch Polymetrik. Der Mitinhaber des Non-Profit-Labels New Amsterdam Records fördert mit seinen Aktivitäten die Entwicklung der Neuen-Musik-Szene in New York maßgeblich. Vergleichbar mit Missy Mazzolis eigener Band Victoire gründete und leitete er sein eigenes Ensemble NOW, für das er sechs Stücke komponierte und rief das an Themen der hebräischen Bibel orientierte Projekt The Yehudim für elektronisches Equipment, zu dem auch Keyboards der ersten Generation zählen, und Schlagwerk ins Leben.

Greensteins musikalisches Credo konzentriert sich in der Aufgabe des von ihm mitverantworteten Labels: Die dort erscheinenden Aufnahmen stellen einen Reflex völliger Integration verschiedener musikalischer Stileinflüsse dar.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.