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Haben Sie Schallplatten?

Avec: „Heaven/Hell“ (Earcandy Recordings/Soulfood)

Nein, diese Welt (die wir halbwegs zu kennen glauben) ist kein Plattenladen. Kein Ort, an dem man sich bei Kaffee, Bier und Wein nach Herzenslust über scheinbare Nebensächlichkeiten austauscht. Müsste ich über Politik und Wirtschaft, über Weltgeschichte oder Juristerei publizieren, hätte ich längst den oftmals besagten Nagel auf seine Tragfähigkeit überprüft. So aber erhalte ich mir jene Glückseligkeit, die mir einst in einem Gemischtwarenladen in Niederbayern widerfuhr, als es hieß: „Haben Sie Schallplatten?“ Sie hatten. Und bin mit ihnen – das Vinyl in meinen Patschehändchen drehend – mit dem Gesicht zuerst in die Kuhscheiße gestürzt. Ein Erlebnis, das die innige Beziehung nicht hat trüben können.

Avec – Heaven/Hell (Earcandy Recordings/Soulfood)
Die Oberösterreicherin „Avec“ hat offenbar keinerlei Lust, sich auf dem mit ihrem Debüt What If We Never Forget auszuruhen. In sämtlichen Belangen packender als ihr Einstieg, erweist sich das Zweitalbum als vertrauliche Willenserklärung. Es gelingt ihr, Radio-Kompatibilität und Tiefgang gleichermaßen auf eine – auch für sie – neue Stufe zu stellen. Auch die Reduktion auf das Wesentliche gerät ihr zur Fingerübung. Ein Song wie Close rückt sie in die Nähe ungeahnter Höhen. Hier lauert früher Ruhm. Nicht nur im hiesigen Raum. Sondern alsbald auch auf Clubtour.

facebook.com/officialAVEC

Like Elephants: „Kaleidoscope“ (LasVegas Records)

Like Elephants – Kaleidoscope (LasVegas Records)
Herzhaft ungekünstelten Dreampop legen die Nachbarn von Avec – auch aus Oberösterreich – vor. Obschon ihren Songs einen Hang zur Skizze anhaftet, hält Kaleidoscope, was der Name verspricht. Die überwiegend zurückhaltend inszenierten Emotionen – zwischen Nachdenklichkeit und Lebensbejahung oszillierend – ergeben in der Summe ein vitales Klarbild, das genügend Stimulanz zum beherzten Tagträumen bietet. Und dies nicht zuletzt, weil Like Elephants offenbar das Zeug dazu besitzen, Abwechslungsreichtum gegenüber Gleichförmigkeit auszuspielen. Es ist den Jungs zu wünschen, dass ihr Longplayer keine reine Liebhaberplatte bleibt.

facebook.com/likeelephants

Cat Ballou – s/t (Miao Records/Rough Trade)

Cat Ballou – s/t (Miao Records/Rough Trade)
Eine überaus heikle Sache das: Kölsches Idiom ohne Komplettfixierung auf Karneval und FC – geht es noch?! Cat Ballou schaffen den Spagat – und kredenzen klug arrangierten Pop, ohne ihre Wurzeln zu verraten. Die Produktion ist so dermaßen gültig, – man muss schon sehr genau zuhören, um das Bekenntnis zu De Bläck Fööss oder De Höhner zu verifizieren. Gleichermaßen mutig wie gelungen können sich Cat Ballou mit diesem Album auch rechtsrheinisch sehen lassen. Und bevor jemand meint, aufgrund der gebotenen Cleverness meckern zu müssen, wird der SC Fortuna (Köln) deutscher Meister. Wer es nicht glaubt, lasse sich einfach mal überraschen. Ab dem 21. September. Die Auskopplungen  „Mer fiere et Levve“, „Urlaub“ und, ganz frisch,“Die Liebe“ sind bereits im Umlauf.

facebook.com/catballoumusic

Dota: „Die Freiheit“ (Kleingeldprinzessin Records/Broken Silence)

Dota – Die Freiheit (Kleingeldprinzessin Records/Broken Silence)
Dota Kehr alias „Kleingeldprinzesin“ verbindet auf „Die Freiheit“ erstaunlich elegante Alltagspoesie mit lässiger Pop-Pose. Zwar kommt man kaum umhin, einen gehörigen Schuss Judith Holofernes stets mit zu assoziieren, eine Verwechslungsgefahr besteht indes nicht. Dabei scheut – auch – Dota nicht die Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen ebenso wie mit den ewigen Themen zwischen Liebe und Sehnsucht. Dass „Die Freiheit“ dennoch einen außerordentlich entspannten Eindruck hinterlässt, gehört in die Kategorie der kleinen Wunder.

facebook.com/dota.kehr

 

Elisapie: „The Ballad Of The Runaway Girl“ (Yotanka/Broken Silence)

Elisapie – The Ballad Of The Runaway Girl (Yotanka/Broken Silence)
Die Inuk-Aktivistin und Dokumentarfilmerin Elisapie versteht sich auf die Verknappung epischer Bandbreiten, indem sie ihre nativen Themen in Liedform kondensiert. Auch musikalisch trägt sie nicht allzu dick auf. Sondern überzeugt mit formal rockigen Song-Konzepten, die alles andere als unterkühlt anmuten. Mag auch ihre Stimme nicht auf Anhieb Unverwechselbarkeit reklamieren, bleibt ein insgesamt einnehmendes Album, dessen wahres (und wahrhaftiges) Wesen sich in zahlreichen Zwischentönen offenbart.

facebook.com/elisapieisaac

Foxing: „Nearer My God“ (Triple Crown Records/Membran)

Foxing – Nearer My God (Triple Crown Records/Membran)
Die Band aus St. Louis füllt eine Lücke, die zuvor noch niemandem aufgefallen war. Nämlich die zwischen Blue October und TV On The Radio. Kaum zu glauben. Gefangene werden nicht gemacht, wenn Foxing hyper-modernen R&B auf klassische Streicher prallen lassen. Und dabei – en passant – Songs kreieren, von denen U2 nur noch in feuchten Träumen schwadronieren. Einfach nur klasse, wie sich die Verve über die volle Albumlänge erhält. Nearer My God ist eine Achterbahn, die ihren Eintritt mehr als nur lohnt.

facebook.com/FoxingTheBand

KrashKarma: „Morph“ (Splitnail Records)

KrashKarma – Morph (Splitnail Records)
Niki Skistimas (Vox, Drums) und Ralf Dietel (Vox, Gitarre) wurden bereits als die „White Stripes des Metal“ zureichend charakterisiert. Dabei erweist sich „Metal“ in ihren Händen als ein äußerst dehnbarer Begriff. Letztlich erscheint es jedoch ziemlich unerheblich, unter welchem Banner KrashKarma ihre Ziele erreichen. Hauptsache, das Energie-Level bleibt auch auf ihrem nun vorliegenden – dritten – Album virulent hoch. Mit halbgaren Song-Ideen wird sich ohnehin nicht gebrüstet. Insgesamt also eine perfekte Scheibe für die Zeit zwischen Feierabend und Piste.

facebook.com/krashkarma

 

Lysistrata: „The Thread“ (Vicious Circle Records)

Lysistrata – The Thread (Vicious Circle Records)
Es bedarf keines Etikettenschwindels, so das Schaffen der Franzosen in geordnete Bahnen gewuchtet werden sollte. Belassen wir es also dabei, im Sinne des Trios von Prog-Punk mit dezenten Math-Sprengseln zu sprechen. Was auf dem Papier widersprüchlich anmutet, erweist sich im Vollzug als ein Konvolut aus Magensaft und Krokodilstränen. Will sagen: Wer hier nicht einknickt, wird wohl weiterhin Phil Collins hören wollen (In-Joke). The Thread entwickelt eine ungeahnte Kraft. Verknüpft viel, lässt nichts liegen. Ist es zu stark, bist du vielleicht noch stärker. Probiere es aus!

facebook.com/lysistratatheband

Merope: „Naktes“ (Granvat)

Merope – Naktes (Granvat)
Bert Cools Bruder Stijn ist auf diesem Forum kein Unbekannter. Vielleicht ist es auch darum ein besonderes Vergnügen, seine Kooperation mit Indre Jurgeleviciute und Jean Christiophe Bonnafous hier hervorheben zu dürfen. Ja, es handelt sich per se um litauischen Folk, der sich bekanntermaßen durch präzise ausformulierte Melancholie auszeichnet. An Gyvata (O Jau Mano Mielas) sei an dieser Stelle erinnert. Aber Merope dehnen aus, wo Traditionalisten verengen. In Andacht und Weisheit wird auf Naktes eben jener Nacht gehuldigt, die uns alle verbindet. Man muss kein Balte sein, um das zu verstehen. Im Nachtzug von Vilnius nach Minsk erschließt sich so manches.

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Thisquietarmy: „Unconquered 2008 – 2018“ (Midira Records)

Thisquietarmy – Unconquered 2008 – 2018 (Midira Records)
137 Minuten Ambient-Drone offeriert Eric Quach auf seiner Doppel-CD, die mehr als lediglich ein Re-Release seines ersten Albums beinhaltet, nachdem der Kanadier Destroyalldreamers eingestellt und Thisquietarmy ins Leben gerufen hatte. Denn CD 2 enthält neben zwei Live-Tracks ein bislang gleichfalls unveröffentlichtes, halbstündiges Werk (Into Dust/Out Of Dust), das lose auf Into Dust von Mazzy Star basiert. Und den Stellenwert von Eric Quach als visionärer Sound-Schöpfer nachdrücklich untermauert. Da kann dann auch ruhig mal das Prädikat des Essenziellen in Erwägung gezogen werden. Überragende Materialbeherrschung!

facebook.com/thisquietarmy

„Denn wäre diese Krise nur aus der allgemeinen Konjunkturlage abzuleiten, verlöre sie ihre ganze Tragweite.“ (E.M. Cioran)

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