Amusio Assessment Center (4)

Vom Vorteil der Musik gegenüber dem Essen

Pharoah Chromium: „Jean Genet Quatre Heures à Chatila“ (Bandcamp)

Erstens: Musik macht nicht dick. Und zweitens lassen sich anhand von Musik Hormonausschüttungen provozieren, die selbst Sterneköche nicht immer wieder neu auf der Pfanne haben. Dennoch wurde auch im Hause amusio.com vorhin wieder gekocht: Sauerkraut-Ravioli mit Granatapfel. Klingt eigenartig? Gewagt? Nun, die im Folgenden vorgestellten Neuerscheinungen klingen vermutlich noch besser als das Essen schmeckt. Advantage Musik.

Pharoah Chromium – Jean Genet Quatre Heures à Chatila (Bandcamp)
Weder Tendenz noch Parteinahme fundiert die Platzierung dieses Hinweises auf ein tief schürfendes Plädoyer gegen das Vergessen. Und gegen den Kampf der Krisen um mediale Anerkennung. Die Erlebnisse von Jean Genet zu Beirut zerreiben sich nicht in der Inflation akuter Konflikte. 25 Jahre Oslo-Verträge sprechen für sich. Der in Berlin ansässige Palästinenser Pharoah Chromium weiß indes sehr genau, wovon er spricht. Und worüber er Elli Medeiros (Jacno) Genet rezitieren lässt. Auf der Basis unmittelbar wirksamer Soundscapes, deren hypnotisierender Effekt weder hascht noch verdrängt.

pharoahchromium.bandcamp.com/album/eros-massacre

Orions Belte: „Mint“ (Jansen Records/The Orchard/Membran)

Orions Belte – Mint (Jansen Records/The Orchard/Membran)
Vollkommen entrückt wirkt hingegen der stilistisch kaum zu erfassende Entwurf, den das norwegische Duo auf Mint im Schilde führt. Ihr Retro-Psych-Folk-Blues vermittelt durchweg ein Gefühl von Unbeschwertheit, das man sich heutzutage kaum noch zu leisten imstande ist. Mit verhältnismäßig einfachen Mitteln skizzieren sie die Idee einer Gegenwelt, in der es sich in den Tag hinein zu leben lohnt. Sie tut gut, ohne zu betrügen. Diese Scheibe, der anzuhören ist, dass hier – trotz aller offensiven Lässigkeit – penibel gearbeitet wurde, ist ein Genuss!

facebook.com/orionsbelte

Milo Greene: „Adult“ Contemporary (Nettwerk/Warner)

Milo Greene – Adult Contemporary (Nettwerk/Warner)
In eine entfernt ähnliche Scheide versenken die L.A.-Indie-Popper Milo Greene ihr Schwert aus Melasse und Staub. So säuberlich auch die dargebotenen Melodien perlen: Dass sie im Grunde mit ihrem Metier mutig experimentieren – bleibt unverkennbar. Es schlägt nichtsdestotrotz ein Album zu Buche, das selbst aufgrund seiner immensen Heterogenität und Detailverliebtheit keinerlei Barrieren aufbaut. Den Spagat zwischen Anspruch und Wahrheit bekommen Milo Greene locker hin. Man höre und staune.

facebook.com/MiloGreene

The Paper Kites: „On The Corner Where You Live“ (Nettwerk/Warner)

The Paper Kites – On The Corner Where You Live (Nettwerk/Warner)
Als erstaunlich erweist sich auch der dritte Longplayer der australischen Paper Kites. Fast könnte man der aufgebotenen Entspannungsbereitschaft nicht über den Weg trauen. Doch kaum hört man einmal genauer hin, nimmt der Eindruck überhand, dass sich die Band an einer Beobachtungsgabe erfreut, die für nahezu sämtliche Gemütszustände einen passenden Ausdruck parat hat. Es gelingt ihnen, jene Mischung aus Bedauern und Hoffnung zu kanalisieren, die modern ausgeformte Sensibilität auszeichnet. Wer sich hier und da eine Träne aus Rührung nicht zu erwehren vermag, braucht sich ihrer sicher nicht zu schämen.

facebook.com/thepaperkitesband

Svin: „Virgin Cuts“ (Mom Eats Dad Records/Phonofile/Rillbar)

Svin – Virgin Cuts (Mom Eats Dad Records/Phonofile/Rillbar)
Jetzt aber mal genug der Weichspülerei! Mit Virgin Cuts legen die zum Trio geschrumpften Kopenhagener ein Monster von Album vor, das in seinen kühnsten Momenten direkte Assoziationen zu Meisterwerken der Industrial Music wie Leichenschrei (SPK) auslöst. Dabei haben wir es hier nach wie vor mit einem primär jazzrockigen Besteck zu tun: Gitarre, zweierlei Rotzkannen, Schlagzeug. Packen wir also noch einen Haufen Keys und Noise hinzu, dürften sich Svin gedacht haben, als sie zu diesem großen Wurf ansetzten. Der Wahnsinn hat Methode. Und Methodisten verfallen ihm.

facebook.com/SVINmusic

Mutual Benefit „Thunder Follows The Light“ (Transgressive Records/[PIAS] Cooperative)

Mutual Benefit – Thunder Follows The Light (Transgressive Records/[PIAS] Cooperative)
Am 21. September erscheint mit Thunder Follows The Light der ersehnte Nachfolger zu Skipping A Sinking Stone, jenem Album mit dem der aus Ohio stammende Multi-Instrumentalist Jordan Lee nachhaltig auf sich aufmerksam machen konnte. Nun, seine hochgradig artifiziell anmutenden Folk-Extensionen gebärden sich hier noch feingliedriger als zuvor. Es fiele leicht, die Musik des Jordan Lee beiläufig zu überhören. Sie als angenehm zu empfinden. Doch wer es sich nicht allzu leicht macht, wird dieses Album als eine Erfahrung anerkennen, die glauben macht, von nun an mehr von der Welt und dem Leben an sich kapiert zu haben.

facebook.com/mutualbenefit

Pale Waves – My Mind Makes Noises (Caroline/Universal)
Ein Hauch von Hype umweht das Debüt der Briten um Sängerin Heather Baron-Gracie, zumal ihr Wavepop-Sound an den nicht minder angesagten der allseits beliebten Chvrches erinnert. Doch während die Letztgenannten zusehends den Erfordernissen des Formatradios anheim fallen, entpuppen sich Pale Waves als eine Variante, die vergleichsweise dickere Bretter bohrt. Auf Manchester ist halt Verlass, wenn es um locker verfasste Liedkultur geht, die sich im Nachgang als üppig gesüßter Kloß im Hals erweist. Man beachte allein die gedankliche Tragweite des Albumtitels. Alles klar?

facebook.com/palewaves

Per Gessle: „Small Town Talk“ (BMG/Warner)

Per Gessle – Small Town Talk (BMG/Warner)
Wer Small Town Talk unkommentiert im Hintergrund laufen lässt, erntet mit Sicherheit erstaunte Gesichter, so er offenbart, wer diese sowohl melodisch als auch technisch begeisternde Americana verantwortet. Ja, es ist der Strahlemann von Roxette, der sich nach dem bedauernswerten Aus von Marie Fredriksson gen Nashville richtete. Dort auf hochkarätige Mitstreiter traf (Dan Dugmore, Stuart Duncan, Jessica S u.v.a.m.) – und auf Small Town Talk sein nach wie vor wunderbares Gespür für Catchyness mit dem Vibe der Echtheit „handgemachter“ Musik verband. Man kann ihm für diese Entschlossenheit nur danken. Und seiner Kollegin beste Besserung wünschen.

facebook.com/RealPerGessle

Leona Berlin: „Leona Berlin“ (Warner)

Leona Berlin – Leona Berlin (Warner)
Ein originär zeitgemäßes Outfit trägt hingegen Leona Berlin (sie heißt wirklich so, kein Scheiß). Ihren deutlich von R’n’B infiltrierter Souljazz krönt sie mit ihrer Stimme, die klingt, als sänge sie einem direkt ins waidwunde Ohr. So fällt es nicht schwer, angesichts ihres Debütalbums an 1984 zurückzudenken, als Sade Adu mit Diamond Life die Massen in Hi-End-Anlagen investieren ließ. Hat sich da gerade jemand selbst widersprochen? Nein, denn Leona Berlin versteht es, dem Tradierten neues Leben einzuhauchen. Von leise bis laut.

facebook.com/leonaberlinmusic

Jean-Michel Jarre: „Planet Jarre / 50 Years Of Music“ (Sony Music)

Jean-Michel Jarre – Planet Jarre / 50 Years Of Music (Sony Music)
Selbst wenn die neue, opulent aufgemachte Veröffentlichung des JMJ den Ruch von Selbstausschlachtung umwebt: Sie lohnt sich. Denn die vom Meister selbst vorgenommene Kompilation weist angesichts der ebenso eigenhändig vorgenommenen Remaster neue Facetten auf. Selbst bei den längst ins kollektive Bewusstsein eingebrannten Klassikern. Der aufgepeppte Sound (natürlich) über jeden Zweifel erhaben, dürfte sich das musikhistorische Hauptinteresse am vierten Kapitel des Doppelalbums – Explorations And Early Works – ergötzen. Entdecken und Wiederentdecken lautet die Parole des großen Franzosen.

facebook.com/jeanmicheljarre

Herr, mach mich keusch, doch nicht sofort.“ (W.H. Auden)

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