Diktatoren als Musikschaffende

Tyrannosaurus Compositor

Gibt und gab es sie oder waren sie wie zu den aristokratisch dominierten Zeiten Mitteleuropas nur Auftraggeber? Komponisten, die in hohe Staatsämter aufstiegen, stellen eher eine Seltenheit dar, wofür der einstige polnische Ministerpräsident Ignacy Jan Paderewski, ein aufrechter Freiheitskämpfer und ausgebildeter Pianist, beispielhaft stehen mag. Die Betriebsblindheit nicht nur hinsichtlich der Künste galt vice versa für Diktatoren und Ächter moderner Musik wie Stalin, der sich für einen Kunstkenner(!) hielt. Kein Wunder, dass Gestalten wie diese manchen „bürgerlichen“ Komponisten als Anti-Helden dienten, wie Kreneks Mussolini-Oper Der Diktator von 1926 zeigt.

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Tyrannosaurus Rex nachmodelliert im Museum of Natural History London; menschliche Tyrannen konnten im Gegensatz zu diesem Urzeitjäger zum Teil vortrefflich komponieren (Marcin Floryan, 14.10.2006, CC-Liz.).

Der zum Ärger seines Vaters schon früh Flöte spielende Preussenkönig Friedrich II., von dem tatsächlich ein paar Kompositionen bekannt sind, lässt sich im großen und ganzen kaum in die Garde der absoluten Alleinherrscher einreihen. In seinem Essay Die Musik hat ihren Wert in sich selbst! beschreibt Anton Haefeli, wie Machthabende Musik als Erziehungsmittel einsetzten, wofür das weit zurückreichende und international anzutreffende Genre Marschmusik zu Recht angeführt wird. Auch Friedrich II. stand diesem Mittel zum Zweck sicher nicht ablehnend gegenüber. Im übrigen tendier(t)en Dirigenten eher zu Allmachtsvorstellungen von ihren Orchestern, was mancher zum Beispiel Rudolf Barschai zuschrieb – und sicher war auch Herbert von Karajan nicht immer der beste Freund aller Musiker/innen. Es stellt sich ernsthaft die Frage, ob diktatorische Staatsführung und die Kreativität empfindsamen Künstlertums überhaupt in einer Person vereinbar sind.

Herrscher, Komponist, Täter: Carlo Gesualdo war zugleich ehrbesessener Despot und Künstler (‚Tenebrae Responsoria‘, 1611; 14.9.2013, It. p.d.).

Möglicherweise handelte es sich bei dem Fürsten von Venosa, Carlo Gesualdo, um einen solchen, denn seine Idee vom Herrscher beruhte in dieser Zeit zwangsläufig auf totalitären Vorbildern, auch wenn die sich im Barock leise ankündigende Aufklärung und gewisse Ideale der Renaissancezeit, in die er hineingeboren war, gelegentlich eine andere Sprache sprechen mochten. Ganz sicher passt zu dieser Spezies aber der unzimperlich agierende englische König Heinrich VIII. genannt werden, von dem Balladen und Instrumentalmusik erhalten sind; was erstaunt, ist der Umstand, dass er auch Messen (zur Beruhigung der eigenen Seele?) schrieb, die verschollen sind.

Prinzessin Amalie von Preußen (1723 – 1787) kannte sich nicht nur mit Staatsführung und Kantaten, sondern auch mit Militärmusik aus (Antoine Pesne: Pr. A. v. Pr. als Amazone, vor 1757, Schloss Charlottenburg, p.d.).

 

 

Den Ruf des Schütz-Schülers Moritz, seines Zeichens Landgraf von Hessen-Kassel, als Komponisten begründeten seine Padovanen und Gagliarden für allerlei Instrumente, neben kirchengerechten Vertonungen der Psalmen und des Magnificat. Nach dem römisch-deutschen Kaiser Friedrich III., der ebenso geistliche Vokalmusik schuf, hinterließ einer seiner Nachfolger, Leopold I., ganze 230 Werke in avanciertem Barockstil, womit er trotz seiner nicht ganz gewaltfreien Herrschaft demnach als wahrer Meister des Fachs durchgehen kann. Mit der Laute spielenden Prinzessin Wilhelmine von Bayreuth, von der unter anderem ein Cembalokonzert und eine Oper überliefert sind, und der durch Johann Philipp Kirnberger ausgebildeten Amalie von Preussen treten im 18. Jahrhundert auch zwei komponierende Herrscherinnen in Erscheinung; auch ihr aufgeklärter Absolutismus konnte, selbst wenn die Entscheidungen bei den hineinregierenden Männern liegen mochten, insbesondere gegenüber dem „dritten Stand“, der Landbevölkerung, diktatorische Härten nicht aus; Amalie schrieb neben Kantaten und Chorälen auch Märsche …

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.