Die allmähliche Lösung vom modalen System

Dur und Moll – wann und wie

Erst kürzlich ging Peter Sühring anlässlich seiner Besprechung der 2015 erschienenen Studie Modus in den Chansons von Binchois der in Saarbrücken promovierten Musikwissenschaftlerin Astrid Opitz auf die Bedeutung der besonderen Formelschlüsse im Werk des franko-flämischen Meisters ein, der in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wirkte.

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Gilles Binchois (1400 – 1460, rechts im Bild) war mit Guillaume Dufay gut befreundet; ihr gebrauch des Systems der Kirchentonarten wich bereits von dem des hohen Mittelalters ab, was nicht zuletzt an Binchois‘ weltlicher Musik, seinen Chansons, sicht- und hörbar wird (levanrami, p.d.).

Nicht unproblematisch ist demnach der Erweis des Festhaltens an der aus der Musiktheorie der Antike gewonnenen Modi-Lehre, die ursprünglich voreilig durch die häufige Kontrastierung mit der progressiver scheinenden Ästhetik von Binchois‘ Kollegen und Freundes Guillaume Dufay angenommen wurde. Die schon ältere Zuschreibung einer stärkeren Traditionsverhaftung der Chansons im Vergleich zur deutlich freieren Kirchenmusik Binchois‘ trug zu der Nachweisführung bei.

Dennoch kann das 15. Jahrhundert als die Epoche bezeichnet werden, in der sich die schon vorher „virulente“ Aufspaltung auf zwei Tongeschlechter in Kompositionen bereits ankündigte. Verbunden mit den Einzeltönen der Tonleiter galten die Modi Ionisch, Dorisch, Phrygisch, Lydisch, Mixolydisch und Äolisch noch beinahe 300 Jahre länger als Kirchentonarten.

Aus den antiken griechischen Modi gingen die der mittelalterlichen Kirchenpraxis hervor, die sich aber von diesen unterscheiden (wikimed.).

 

 

 

 

Im Bereich der Harmonielehre gab es bestimmte, den Kirchentonarten zugeordnete Schlusswendungen oder Klauseln, die aber immer mehr von alternativen „Kadenzen“ abgelöst wurden. Beispielhaft für den vierstimmigen Satz nach der älteren Harmonielehre wurden Palestrinas Werke, die bestimmte Intervallgänge und Harmonien erlaubten, andere verboten. Dennoch wurden die Stufengänge in der Praxis sehr frei kombiniert; Tabus waren das Entstehen der übermäßigen Quart sowie der Quint- und Oktavparallelen.

Zur Erläuterung von Dur (rot) und Moll (blau): Dargestellt sind hier die Dreiklänge von e-Moll, a-Moll und d-Moll sowie ihre Parallelen G-Dur, C-Dur und F-Dur (Watchduck 2009, p.d.).

Was wir heute unter Tongeschlecht verstehen, geht auf eine genaue Übersetzung des griechischen genos zurück, mit dem der Charakter des Modus bezeichnet wurde, danach unterschied man Modus major und Modus minor. In der mittelalterlichen Hexachordlehre bezeichnete man das Wesen eines (Kirchen-)Liedes mit Cantus durus und Cantus mollis, aus dem sich Dur und Moll ergaben. Als im 18. Jahrhundert die älteren Modi, etwa Phrygisch und Dorisch zurückgedrängt wurden, entwickelte sich aus den neueren die heute gebräuchlichen Tongeschlechter, die minimal, also nur durch die große bzw. kleine Terz differieren: Ionisch wurde zu Dur, Äolisch zu Moll.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.