Einblicke in die Wissenschaft

Stimme der Forschung

In der gerade erschienenen dritten diesjährigen Ausgabe der Zeitschrift „Die Musikforschung“ (ISSN Print 0027-4801), die ebenso wie „Acta Musicologica“, „Archiv für Musikwissenschaft“, die „Österreichische Musik-Zeitschrift“ und „Musik und Ästhetik“ die deutschsprachige musikwissenschaftliche Publizistik dokumentiert, sind drei ebenso profilierte wie ergebnisreiche und impulsgebende Hauptartikel enthalten.

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Bislang war nicht bekannt, dass Arcangelo Corelli um 1672 in Bologna als Philosophiestudent geführt wurde. Dies weist Andreas Pfisterer in seinem Beitrag in ‚Die Musikforschung‘ 3/2018 nach (hier S. 268ff.; Abb.: Hugh Howards Gemälde des Komponisten Corelli aus dem Jahr 1697, US p.d.).

Andreas Pfisterer, habilitierter Mitarbeiter am Corpus monodicum Würzburg, ergänzt hier eine wichtige Lücke in der Biographie Arcangelo Corellis zwischen 1653 und 1675. Bei der schwierigen Quellenlage von Dokumenten aus der Mitte und auch zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kann die „Entdeckung“ als großer Treffer bezeichnet werden. Demnach ist es praktisch sicher, dass der Philosophiestudent „Arcangelus de Corellis“ auf der Matrikelliste der Universität Bologna vom 8. 12. 1672 mit dem berühmten Violinisten und Komponisten identisch ist.

In ihrem dem Umfang nach eher für eine Buchveröffentlichung geeigneten Aufsatz Johann Wolfgang Francks Opernschaffen – eine Revision eröffnet Irmgard Scheitler, bis vor kurzem Professorin für Literaturwissenschaft und Spezialistin für Libretti an der Universität Würzburg, einen neuen und vertieften Einblick in die Musikbiographie des wenig erschlossenen Komponisten, dessen Lebensdaten von 1644 bis vor 1719 reichen und der einen so wichtigen Beitrag zur Entwicklung der frühdeutschen Oper leistete.

‚Andromeda‘ war eine der Opern, die Johann Wolfgang Franck laut Johann Mattheson in den Jahren 1679 bis 1686 schrieb (Abb.: Perseus befreit Andromeda von Poseidons Seeungeheuer, Wandgemälde aus Pompeji, Museo Nazionale Napoli, CC-Liz.).

Auf der Basis einer in Paris veröffentlichten tragédie en machines mit dem Titel Les Amours du soleil komponierte der aus Ansbach stammende Franck sein Bühnenwerk Föbus. Unsicherheiten in der Zuschreibung werden durch Scheitlers eingehende Untersuchung ausgeräumt: Zum Beispiel ist zweifelsfrei, dass das Ansbacher „Sing-Spiel“ Cecrops tatsächlich von Johann Wolfgang Franck geschrieben wurde. In aller Ausführlichkeit wird auch auf seine Hamburger Opernproduktionen, die Johann Mattheson anführte – erwähnt sei hier der sprachlich avancierte Vespasianus – eingegangen. Nach Scheitlers Forschungen sind Zweifel angebracht, ob Franck tatsächlich aus französischen Libretti selbst übersetzte, denn seine literarische Abstinenz geht aus den Quellen deutlich hervor (Die Musikforschung 3/2018, S. 261).

Das „lautmalerische Krächzen, Geschnatter und Piepen der verschiedenen Vogelarten“ (Carlo Bosi) verarbeitete Caspar Glanner in seinem Lied ‚Von der Vögel Namen‘, das wohl doch keinen Bezug zu Janequins ‚Chant des oyseaux‘ hat (Vgl. Die Musikforschung 3/2018, S. 239; Abb.: Philippe Alès, 10.3.2014, CC-Liz.).

 

Erhellende Neuigkeiten zu Caspar Glanners Liedersammlungen von 1578 und 1580, auch im Hinblick auf ihre Zuschreibung steuert Carlo Bosi, derzeit Projektleiter an der Paris-Lodron-Universität Salzburg, in seinem Beitrag bei. Zahlreiche Noteneinzelbeispiele, z.B. Vinum quae pars und Autograph-Abbildungen verdeutlichen zusammen mit einer Synopse der Versanfänge, der Stimmenbesetzung und des Satztyps die Vielfalt der in den Sammlungen auftretenden vierstimmigen geistlichen wie weltlichen Lieder aus der Spätrenaissance, die im Gegensatz zu anderen deutschsprachigen volksläufigen Vokalwerken der Epoche keine italienischen Einflüsse erkennen lassen.

Der umfangreiche Besprechungsteil der Zeitschrift beinhaltet umfassende und klärende Rezensionen etwa zu Andreas Eichhorns Leonard Bernstein und seine Zeit (2017), zum Sammelband Übergänge: Neues Musiktheater – Stimmkunst – Inszenierte Musik von Andreas Meyer und Christina Richter-Ibáñez (2016) und zu Yves Balmers, Thomas Lacôtes und Christopher Brent Murrays Le Modèle et l’invention (2017), der sich mit dem Werk Olivier Messiaens auseinandersetzt.

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.