Klein(st)es Komponisten-ABC mit Tipps für das Spiel auf Klavier & Co.

Gegen den Strich zu bürsten?

Auch Interpretationsmoden kommen und gehen. Wurde früher die (vermeintliche) „Eigenart“ eines Werks überbetont, frisiert frau/man heute gerne gegen den Strich, bei süffigen sanglichen Melodien wird der Sopran zurückgeschraubt, bei bombastischer Akkordik das Fortissimo minimiert und polyphone Strukturen hörbar gemacht, im Falle ohrenfällig schwerfälliger Diktion das Tempo beschleunigt. Vielleicht sollten öfter einmal die anderen Seiten einer Komposition herausgearbeitet werden, die bislang im konventionellen „Big-Band-Sound“ von Orchestern, lautschallenden Chören und im Flügeldonner unterzugehen drohten … Daraus ergeben sich Tipps für Ausführende:

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule
A
Adams (, John): mechanisch wie ein Uhrwerk, unernst

B
Beethoven: unpathetisch, in den Klavierstücken so wenig Pedal wie möglich

C
Chopin: flüssig, ätherisch, metrisch genau

D
Danzi: musikantisch

E
Elgar: elegisch und majestätisch (daher mit Ironie)

F
de Falla: schreitend, spondeisch, portato

G
Ginastera: melodiebetont, gravitätisch

Tastatur eines flämischen Cembalos: Auch auf diesem Instrument sind höchst unterschiedliche Interpretationen ein- und desselben Stücks möglich (Antwerpen ca. 1618, Jorge Royan, CC-Liz.).

H
Haydn: burlesk, verspielt, ironisch

I
d’Indy: Melodiestimme zurücknehmen

J
Jaëll: enharmonische Wendungen ohne große Betonung, nicht schleppend

K
Kuhlau: klassisch, rhythmusbetont, virtuos

L
Langgaard: flott, unprätentiös, klar

Kein ganz bequemer Zeitgenosse, aber ein genialer Klaviermusikkomponist, ein „Thomas Bernhard“ der dänischen Musiklandschaft (1893 – 1952; hier im August 1951; DK p.d.)

M
Mendelssohn: kontrapunktisch, romantisch, pathosfrei

N
Nyman: langsamer als vorgegeben, leicht

O
Obrecht: getragen, fließend

P
Porpora: tändelnd, unkompliziert

Q
Quantz: mit Denkpausen, großen Bögen

R
Rachmaninoff: pathetisch, vollklingend, Schwerpunkt auf Akkorden

S
Sibelius: verträumt, trotzdem genau

T
Telemann: flott, melodiebetont

U
Uccellini: zusammenhängend, legato

V
Viana da Mota: folkloristisch, klassisch gemessen

W
Wilhelmine von Bayreuth: graziös, strukturbetont

Aus Wilhelmines von Bayreuth Feder flossen wohl nicht viele Kompositionen, aber für die Musikgeschichte sehr bedeutsame, u.a. ein Cembalokonzert und eine Oper (1709 – 1758; Büste in den Gontard-Anlagen am Schlosspark Bayreuth, -©-El-Grafo-CC-BY-SA-4.0).

X
Xenakis: analytisch, leicht, ausdrucksbetont

Y
Ysaÿe: lyrisch

Z
Zelenka: luftig, tänzerisch

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.