Von Slowenien über Österreich nach Tschechien

Gesungene Worte – für jeden Kalendertag

Rekordverdächtige Leistungen wollten vielleicht gerade in der Renaissance aufgestellt werden, denn begabte Künstler, Naturwissenschaftler oder Schriftsteller wie Leonardo da Vinci suchten in ihrem neuhumanistischen Verständnis, nach dem der Mensch nicht länger nur ein Staubkorn in Gottes Schöpfung sei, sondern wegen seiner spezifischen Fähigkeiten als Allrounder verschiedenste Wissensgebiete im theoretischen wie im praktischen Sinn bedienen sollte, nach einem erfüllten Leben durch eigenes Handeln. Einer von diesen, betrachtet man die schiere Quantität seiner Musik, könnte der 1550 im slowenischen Ribnica geborene Jakob Petelin gewesen sein, dessen Familienname der Zeit gemäß in Gallus latinisiert wurde.

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In Šentviška gora: die Büste des bedeutenden slowenischen Reniasssancekomponisten Jakob Petelin (1550 – 1591; Vid pogadzik, 30.10.2016, CC-Liz. Slow.).

Zuerst taucht Jacobus Gallus, außerdem deutsch in Händl „umgetauft“, als Kapellsänger um 1568 im österreichischen Kloster Melk auf, denn es liegen zu seiner Vorgeschichte nur wenige Daten vor. Einiges deutet darauf hin, dass er um das Jahr 1574 der Wiener Hofkapelle angehört haben könnte, von 1579 bis 1585 wirkte er jedenfalls als bischöflicher Chordirektor im heute tschechischen Olmütz, bevor er dann an der Prager Kirche St. Johann als Kantor auftaucht.

Bildnis des Sängers und Chorleiters Jacobus Gallus aus dem folgenden, nämlich dem 17. Jahrhundert. Im übrigen war der Komponist auf der slowenischen, 1997 freigegebenen Tolar-Banknote abgebildet (Slowen. p.d.).

 

Es war jedenfalls ein erfülltes Berufsleben – im Dienst der transalpinischen Gegenreformation -, das geistliche Werke in Hülle und Fülle, ebenso aber zahlreiche Beiträge zur weltlichen Kunst wie Madrigalsammlungen, beispielsweise Quatuor v. Liber harmoniarum moralium (1589/90) umfasst. Allein Petelins Opus musicum harmoniarum in 4-, 5-, 6-, 8- und mehrstimmiger Ausführung, angefertigt zwischen 1586 und 1591 umfasst 374 Motetten – damit mehr als das Kirchenjahr selbst Tage hat.

Innerhalb der nicht allzu langen Schaffensphase, denn Gallus starb bereits im Alter von 41 Jahren, schrieb er darüber hinaus Messen und drei Passionen, die korrekter als Evangelienharmonien zu bezeichnen wären. Die in der Spätrenaissance aufkommende Cori-spezzati-Technik war ein spezifisches Merkmal der „modernen“ venezianischen Mehrchörigkeit, nach der, in Weiterentwicklung des mittelalterlichen Usus eines „antwortenden“ zweiten Chors in dieser Zeit zwei mehrstimmig singende und teils voneinander unabhängige(re) Chöre aufzustellen, um nicht nur einen stärkeren tiefenräumlichen Effekt, sondern auch eine größere Abwechslung innerhalb des Vortrags im Kirchenraum zu bewirken.

Tenorstimme von Petelins Komposition ‚Ecce quomodo‘ aus dem Jahr 1587 (Opus musicum II, Slowen. p.d.).

Jacobus Gallus alias Petelin suchte diese Technik mit derjenigen der durchimitierenden franko-flämischen Schule zu verknüpfen, was seinem Werk auch in stilistischer Hinsicht eine Sonderstellung verschaffte.

Einspielungen

Literatur u.a.
Stefan Pontz: Die Motetten von Jacobus Gallus (= Studien zur Musik XV). München 1996.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.