Musik in Sibirien

Nahe dem Gefrierpunkt

Abgesehen von einigen mehr als nur ungemütlichen Aspekten der nordischen Zonen Russlands, man denke an „Archipel GULAG“, finden Kreative klassischer Couleur auch hier ihre Mus(s)e. So arbeitete etwa der gefeierte, aus der Südostukraine stammende Komponist Yuri Kunets, den sowohl traditioneller Jazz als auch die romantische russische und ältere Musik Mitteleuropas prägte, zehn Jahre lang als Orchesterleiter in der sibirischen Stadt Surgut. Lässt sich die Tatsache, dass er bald anfing, mit seiner Band Impuls Five auf Konzertreise durch Russland und Europa zu fahren, darauf zurückzuführen, dass es ihm auf Dauer dort doch zu kalt war?

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Schamane als Trommler im Altai-Gebirge – nur eine der folkloristischen Musiktraditionen Sibiriens (Sergei Borisov, zwischen 1911 und 1914 bei Tomsk, R.p.d.)

Die geographische Großregion Sibirien war von jeher dünn besiedelt, auch wenn die Familien von Großwildjägern dort ihr Auskommen fanden, ohne Landbau betreiben zu müssen. Insbesondere die Pflege folkloristischer Musik aus dem Norden stieß seit der Romantik auch außerhalb Sibiriens auf Interesse, wo, wie sonst im zaristischen Reich, die Kunstmusik auf den Kirchenliedern der Rus‘ fußte, deren Basis wiederum byzantinische Gesänge bildeten. Schamanistische Glaubensvorstellungen übten im äußersten Norden seit jeher Einfluss auf die populäre Musik aus.

Nach der von Peter dem Großen getragenen Europäisierung des gesamten Landes, dessen Zentrum sich nicht von ungefähr nach St. Petersburg verschob, begann sich im 19. Jahrhundert in den Künsten allmählich eine nationale Idiomatik durchzusetzen, deren Gipfelpunkt mit der Musik Tschaikowskys, Rachmaninoffs und Prokofjews erreicht war.

Kulturelles Herz der Stadt: Die Oper mit dem Ballett-Theater Nowosibirsk (Alexander Klink, 7.8.2017, CC-Liz.)

Sieht man von der leichteren (Jazz-)Muse des Wahlösterreichers Leo Heppe alias Bob Martin, der in Krasnojarsk zur Welt kam, oder dem derzeit sehr gefragten Rapstil des 1994 in Sibirien geborenen Musikers Capital Bra ab, so fällt vor allem die Musik der Metropole Nowosibirsk ins Gewicht. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts spielen hier besonders Oper und Ballett eine tragende Rolle. Zuvor galt bereits das „Glinka“-Konservatorium als wichtige Ausbildungsstätte, deren Bedeutung mit der bolschewistischen „Kulturrevolution“ jedoch nicht beendet war, weil die neuen Kulturverantwortlichen an die kollektivistische Kraft der modal geprägten und von Glinka wiederaufgegriffenen Folklore appellieren konnten.

Derzeit wohl die namhafteste Persönlichkeit der Kulturszenen von Nowosibirsk: der Geiger Vadim Repin (links im Bild, mit Zubin Mehta anlässlich des Konzerts zum 75. Geburtstag der Israelischen Philharmoniker in Tel Aviv, 24.12.2011, Levg, CC-Liz.)

Die Staatliche Philharmonie der Stadt profitierte lange von ihrem Leiter Arnold Katz (1924 – 2007), nach dem die heute bespielte Konzerthalle der Stadt benannt wurde. Im Anschluss an Anton Barachovsky und Ilja Konowalow führte durch seinen ihm vorauseilenden Ruf Vadim Repin die Tradition der berühmten heimischen Violinschule fort; der in Wien lebende Geiger initiierte auch das neue Trans-Siberian Art Festival. An das Opern- und Ballettheater Nowosibirsk wurde schon des Öfteren der wichtige Preis der „Goldenen Maske“ verliehen, etwa für die Aufführung einer Oper von Alfred Schnittke und für die Inszenierung von Verdis Aida durch Dmitri Tschernjakow mit dem Bühnenbild Irina Makarowas. Übrigens kommen auch die bekannten Filmmusik-Komponisten Aleksandr Zatsepin und Eduard Artemyev sowie der Improvisationskünstler Roman Stolyar aus Nowosibirsk; nicht zuletzt sei hier der international gefragte Geiger und Dirigent Maxim Vengerow, Jahrgang 1974, als Sohn der Stadt genannt.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.