Musik der Karibik LVI

Carriacou: „Große Trommel“ und kleine Quadrille

Die Region der Grenadinen innerhalb der Gruppe der Antillen „über dem Winde“ verfügt über etliche nahezu unbewohnte Miniatureilande. Der geographischen Zersplitterung zum Trotz gibt es dort ein Zentrum, nämlich die von etwa achttausend Menschen bevölkerte Insel Carriacou, die mit Hillsborough eine eigene Hauptstadt aufweisen kann.

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Vor der Landung am Bootshafen von Carriacou (Lloyd Morgan, 6.8.2007, CC-Liz.)

Das Gebiet als klein und unbedeutend zu übergehen hieße allerdings den Kolonialismus mit anderen Mitteln fortzusetzen, schon die einzigartige Natur verbietet dies von selbst. Carriacou selbst wird heute gerne als menschenfreundlichste, sicherste und gesündeste aller Karibikinseln gerühmt.

Ein Stück Kolonialgeschichte auf Leinwand in Öl: Janet McLean mit ihren zwei Töchtern und der Sklavin Didi auf der Grenadineninsel Carriacou (zwischen 1810 und 1820, Bonhams, p.d.)

 

 

Von den umliegenden kleineren Inseln reist man wegen des zu erwartenden lebhaften Strandlebens Anse La Roche und Paradise Beach gerne nach Carriacou, das auch einige kulturelle Besonderheiten zu bieten hat: Ähnlich wie auf einigen anderen Stützpunkten der Karibik hielt sich von den in der mittleren Kolonialzeit durch England und Frankreich etablierten Tänzen etwa die Quadrille hartnäckig. Von den indigenen Tänzen übt der Big Drum seine Anziehungskraft auf die Besucher aus; er wird nur zu großen Festlichkeiten gepflegt und ist außer auf den Grenadinen noch auf St. Vincent gebräuchlich.

Tambour Boula von Haiti: Eine Variante davon wird anlässlich der Big-Drum-Aufführungen auf Carriacou verwendet (Benoit Prieur, 18.8.2018, CC-Liz.).

 

Die von Guadeloupe stammende Boula, eine Handtrommel, liegt auf Carriacou als Tambou Dibas benannten Variante vor, die aus Rumfässern gewonnen wird. Sie spielt  eine wesentliche Rolle beim Big Drum, der gelegentlich auch als Nation Dance bezeichnet wird. Bemerkenswert ist, dass er vorzugsweise in den Dörfern und hier nicht nur auf unabhängigen Feiern anzutreffen ist, sondern auch anlässlich des Auslaufens von Fischerbooten, auf Hochzeiten, gar zu Unglücksfällen und Erkrankungen sowie zu Beerdigungen auf dem Programm steht. Üblicherweise werden die zu ihm angestammten Gesänge, allesamt westafrikanischer Herkunft, von drei Trommeln, Tamburins und Maracas begleitet.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.