Kunstlied und Kammermusik

Gades Anfänge

Natürlich ist es kein Zufall, dass Niels Wilhelm Gades erste „offizielle“ Instrumentalkomposition das Scherzo zu einem Klavierquartett in cis-Moll für dessen gängigste Besetzung mit Violine, Bratsche und Violoncello war. Um 1836 war er nämlich (sicherlich einer der jüngsten) Geiger an der Königlichen Kapelle zu Kopenhagen, studierte aber gleichzeitig bei Andreas Peter Berggreen Komposition; für einen Anfänger im Fach war es nachgerade selbstverständlich, sich mit Werken überschaubarer Stimmenzahl zu beschäftigen, die Kammermusik stellte also in der Regel das erste Erprobungsfeld dar, wenn der Regelkanon, geschweige denn die Kunstfertigkeit, noch nicht vollständig beherrscht wurde.

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Josef Kriehubers Lithographie des eben 27jährigen Gade (Bibl. nat. de France, F. p.d.)

Damit entsprach der achtzehnjährige Schüler des Violinisten Frederik Thorkildsen Wexschall nicht den Vorstellungen seiner Eltern. Denn von seinem Vater war er nach der Konfirmation selbst im Instrumentenbau unterwiesen worden, mit dem Ziel, ihn, wie derzeit gewöhnlich, zu seinem Nachfolger in der Werkstatt zu küren. Die Musikausübung selbst blieb aber die Herzensangelegenheit des durchaus selbstbewussten jungen Mannes, der einen „dualen“ Weg zwischen Hochschule und dem professionellen Spiel im Orchester, in dem er auch als Solist auftrat, vorzog. Als Mitglied der Kapelle erhielt er zudem die Möglichkeit, nach Schweden und Norwegen mitzureisen, die eine gewisse Gewandtheit im Umgang mit außergewöhnlichen Situationen sicher befördern konnte, wenn sie auch kein großes Echo fand.

In dieser Ausgabe (Titelblatt) der dänischen Zeitschrift ‚Musikalsk Tidende‘ veröffentlichte Andreas Berggreen erste Lieder seines begabten Kompositionsschülers Niels Wilhelm Gade (1836, DK p.d.).

Berggreen zählte soviel auf seinen Schüler, dass er zu dieser Zeit dessen erste Lieder in der Zeitschrift Musikalsk Tidende bekanntmachte und außerdem das später von Gade in seiner 1. Symphonie c-Moll (1842) weiterverwertete Lied Paa Sjølunds fagre Sletter („Auf Seelands anmutigen Ebenen“, 1838) in dem Band Melodien auf vaterländische Gedichte veröffentlichte. Über das 1836 angefangene Klavierquartett vermelden die von Inger Sørensen gesammelten Briefe von und an Gade im übrigen nichts, indes wurde aber von Richard Karpen das experimentell wirkende und von beständiger Transformation geprägte Allegro aus dem a-Moll-Streichquartett desselben Jahres ediert und durch das dänische Kontra Quartet 1992 eingespielt. In ihm sind bereits später häufiger vorkommende satztechnische Eigenheiten angelegt.

Das heutige Kopenhagen, hier von der Residenz Christiansborg aus fotografiert, zeigt in großen Teilen noch eine – nach dem Brand von 1807 – im 19. Jahrhundert langsam auch kulturell wieder zur Blüte gekommene weitdimensionierte historische Großstadt (Juli 2015, Pudelek, CC-Liz.).

 

 

1838 folgte ein ebenso bemerkenswertes Quintett für zwei Violinen, zwei Bratschen und ein Violoncello, das ein Jahr danach komponierte Trio B-Dur blieb unvollendet. Der daraus erhaltenen Sätze Adagio und Allegro con fuoco nahm sich das Copenhagen Trio um Søren Elbæk 1991 in seiner Aufnahme sämtlicher Trios Gades an. In allen diesen Frühwerken zeigt sich der ungestüme kreative und dennoch formbewusste Geist des jungen Komponisten, dessen kraftvoller Zugriff bis weit über die Orchesterouvertüre Efterklange af Ossian (1840) hinaus anhielt, die noch – im selben Fahrwasser wie Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre – an die euphorische Rezeption des vermeintlichen schottischen Vorzeitbarden Ossian in den Künsten anknüpfte.

Literatur u.a.
Anna Harwell Celenza: The early works of Niels W. Gade. In search of the poetic. Aldershot u.a. 2001.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.