Jacob Obrechts Verdienste um die europäische Renaissancemusik

Das Mediaevum im Rücken

So lange lagen die aus heutiger Sicht grauen, lichtarmen Jahrhunderte noch nicht zurück, da entpuppte sich auf dem Feld der Kirchenmusik ein vielfarbig schillernder Schmetterling, der der Kunst des Mittelalters keinen Blick zurück mehr gönnte. Erst 1480 taucht Jacob Obrecht zu Bergen op Zoom als Sangmeister, will sagen: Chorleiter aus dem Dunkel der Geschichte auf.

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Schon in der Renaissancezeit eine Perle: Brügge mit seiner lebend(ig)en Geschichte und Gegenwart. An St. Donatianus wirkte Jacob Obrecht in zwei Phasen seines Schaffens als Sangmeister (9.9.2018, Hanns-Peter Mederer).

Der zwischen 1453 und 1458 in Gent geborene Sänger und Komponist war nahezu der einzige seiner Zunft, der in den Stilen der Gegenwart versiert war, janusköpfig aber sowohl in die Vergangenheit zurücksah, der heraufdämmernden Zukunft in anderer Weise aber vorgriff. Seine satztechnische Wendigkeit ist sicher auch auf die Einflüsse aus Ferrara zurückzuführen, wohin er zuerst zu längerem Aufenthalt im Winter des Jahreswechsels 1487/88 gereist war.

Der wirkliche Ursprung des Titels ‚Missa Grecorum‘ liegt vorerst im Dunkeln, was nichts an dieser bemerkenswerte Aufnahme der Messe nebst ausgewählten Motetten ändert (Stephen Rice, The Brabant Ensemble; ASIN: B075YBZC12, Hyperion 2018).

Unter den Verfassern von Messen und Motetten zählt der franko-flämische Tonsetzer zur dritten Generation, deren Fundament die 25 Jahre zuvor von Johannes Ockeghem propagierten Prinzipien bildeten – so viel zum konservativen Grundzug von Obrechts Kunst, der aber nicht sehr weit in die Vergangenheit reichte, es sei denn, man wollte sein Anknüpfen an das allseits verbreitete Lied L’homme armé, das vielleicht zuerst von Guillaume Dufay, Jahrgang 1400 – dem wohl wichtigsten Repräsentanten der ersten Generation – zur Messvertonung herangezogen wurde, zum Erweis noch älterer Rezeption hinzunehmen. Im Rahmen seines dreißig(!)teiligen Messezyklus des Ordinarium Missae wahrte er zwar den überlieferten cantus firmus, also die feststehende Melodie, behandelt diese jedoch in allen Schattierungen und baut lange imitatorische Abschnitte ein. Der nahezu gleichaltrige Josquin Desprez schuf den Typus der frei durchimitierenden Motette, der von Jacob Obrecht nur selten angewandt wurde.

Ausschnitt aus Ottaviano Petruccis venezianischem Druck von Obrechts Odhecaton-A., 1501 (Tandernaken, EU p.d.)

Weitestgehend verpflichtet fühlte sich der später in Cambrai, dann in Brügge wirkende Meister den nordniederländischen Liedtexten. Was anderen Komponisten der Zeit fehlt, ist sein nüchtern-systematischer Ausbau des Cantus firmus, der auf eine spätere Entwicklung vorausweist. Den Gipfelpunkt der franko-flämischen Schule markiert Obrechts Wirken wegen seiner einzigartigen Flexibilität in der Verwendung verschiedener Techniken ebenso wie aufgrund der Tatsache, dass er der einzige war, der ausschließlich flämisches Liedgut verarbeitete, während etwa der ebenfalls im Königreich Belgien aufgewachsene Pierre de la Rue französische Texte vertonte. Singulär blieb zunächst auch die Dezimparallele bei den Außenstimmen sowie Terz- und Sextparallelen und im komplexen Satz „versteckte“ Fauxbourdonpassagen, Kanons und Kadenzen.

Jacob Obrecht (ca. 1453 – 1505), der einzige Großmeister der Messe auf der Grundlage rein flämischer Texte (anonymes Gemälde 1496, Kimbell Art Museum, BE p.d.)

In der Missa Grecorum (deren Titelgebung im Dunkeln liegt, aber womöglich mit der im Vatikan ausnahmsweise üblichen griechischen Epistellesung zur Osterzeit zu tun hat) aus Obrechts Zeit an der Brügger Kirche St. Donatian ist das hervorstechende Merkmal der Cantus firmus auf der Tenorstimme, der auf einer unbekannten Melodie basiert, aber in verschiedenen Tempi durch die Einzelsätze der Messe hindurch vielfach variiert wird. Im Osanna in excelsis ist als Besonderheit die Sequenz Victimae paschali laudes hervorzuheben. Stephen Rice gelingt zusammen mit dem Brabant Ensemble in seiner aktuellen Einspielung aus der Londoner All Saints‘ Church in East Finchley die Gratwanderung zwischen der Vermittlung des „einfachen“ Klangideals von Obrechts Klangideal und des sehr spezifischen Kontrapunkts der Stimmführung jedenfalls aufs Trefflichste …

 

Maßgebliche Werkausgabe:
Chris Maas (Hg.): Jacob Obrecht. New edition of the collected works. Utrecht 1983 – 1999.A

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.