Amusio Assessment Center (5)

Letzte Zuckungen?

Tamino: „Amir“ (Communion/Caroline International)

Nach dem Groove, dem Intro (und noch so manch anderer Print-Publikation mehr) haut nun auch die Spex in den Sack. Und wir, die kostenlosen Online-Musikschreibstuben, den Lukas? Es ist offensichtlich, dass sich „kritischer Musikjournalismus“ nicht mehr lohnt. Vor allem im Print, wo lediglich als Magazin getarnte Promo-Postillen – noch – überleben. Es sei an dieser Stelle versichert, dass die nun folgenden Empfehlungen – wie immer – von Herzen kommen. Unabhängig davon, wie viele Clicks die damit eingehenden Verlinkungen „bringen“. In diesem Sinne, Prosit!

 

Tamino – Amir (Communion/Caroline International)
Ein schier unglaubliches Debütalbum legt der erst 21-jährige Tamino aus Belgien vor. Das musikalische Erbe seiner zum Teil auch als Musiker berühmt gewordenen Vorfahren (aus Ägypten und dem Libanon) schleicht sich – metrisch – in seine fabelhaft melancholisch intendierten (und pointiert arrangierten) Songs ein, die der junge Mann mit einer Stimme krönt, die selbst im Falsett schon jetzt grandiose Klasse an den emotional verregneten Tag legt. Und aus dem Jenseits grüßt dann Demis Roussos („Rebecca“). Zum Dahinschmelzen schön. Live zur erleben: Am 5. Dezember in Köln (Club Volta), am 6. Dezember im Berlin (Quasimodo).

facebook.com/taminoamir

 

Peter Piek: „Electric Babyland“ (What We Call Records/Soulfood)

Peter Piek – Electric Babyland (What We Call Records/Soulfood)
Überraschung! Das bislang eher als dezent verschrobener Gitarren-Popper in Erscheinung getretene Multitalent aus Leipzig kommt uns auf seinem fünften Album elektronisch. Und verzückt mit hinterhältig eingängigen Songs, die zunächst weniger versprechen, als sie tatsächlich zu halten imstande sind. Man sieht sich versucht, in die Strukturen hineinkriechen zu wollen, zumal Peter Piek hier einen größeren Wert auf den gesanglichen Vortrag gehalten hat als je zuvor. Und von Hendrix keine Spur. Einzig das scheußliche Cover hätte er uns ersparen können.

facebook.com/sayhellotopeterpiek

 

Raoul Sinier: „Death, Love & Despair“ (WXFDS)

Raoul Sinier – Death, Love & Despair (WXFDS)
Und noch ein Multitalent, diesmal aus Paris. Raoul Sinier, der sich in etwa auch der Malerei widmet, erschafft auf seinem bereits neunten Album (erneut) einen hochgradig autonom argumentierenden Hybriden aus distanzierter Kriechkälte und schleichenden Anmutungen einer wie ermattetet erscheinenden Nähe. Dabei ist ihm auch im Hinblick auf die Sound-Auswahl nahezu jedes Mittel recht. Jeder Song lebt von seinem ureigenen Charakter, wobei der Grundtenor der eigentlichen Absenz von Griffigkeit ein ums andere Mal kühn durchbrochen wird.
Death, Love & Despair erfordert höchste Aufmerksamkeit, ohne zu überfordern

facebook.com/RaoulSinierFanPage

 

2Cellos: „Let There Be Cello“ (Masterworks/Sony Music)

2Cellos – Let There Be Cello (Masterworks/Sony Music)
Die kroatischen Großmeister der „verpoppten“ Celli gelingt auch auf ihrem fünften Album der Spagat zwischen vermeintlicher Anbiederung und verblüffender Ausschlachtung der Möglichkeiten ihrer Klangkörper. So krude die Zusammenstellung des von ihnen aufgegriffenen Songmaterials – von
Eye Of The Tiger (Survivor) bis Imagine (John Lennon) auf dem Papier auch anmuten mag: Dem Duo ist zum wiederholten Male ein Album gelungen, dem es gelingt, seine ursprüngliche Materialität in ein großes Ganzes zu überführen, das nahezu durchgängig allen Zweiflern Mores lehrt. Ziemlich unbeirrbar, die 2Cellos.

facebook.com/2cellos

 

Arca: „Forces“ (Ici d’ailleurs)

Arca – Forces (Ici d’ailleurs)
Und noch ein Duo, dem eine riskante Spreizung gelingt: Joan Cambon und Sylvain Chauveau fahren anhand von
Forces – nach acht Jahren der Enthaltsamkeit – die Beweisführung fort, dass ein minimal gewählter Ansatz sehr wohl dazu ermächtigen kann, ein komplex gehaltenes Sujet (hier: unsere befriedete Sicht auf die kriegerischen Auseinandersetzungen anderswo) sinnfällig auszugestalten. Denn sie brechen – durch die fortlaufende Integration subtiler Mittel der Fokus-Verschiebung – mit der Kontemplation. Und führen schnurstracks in die Konfrontation mit der Selbstgefälligkeit. Was zunächst nur diffus dräut, entpuppt sich letztlich als konkrete Aufforderung zum genaueren Hinsehen. Sowie um eine Anleitung, wie das eigene Denken ins Klischees überwunden werden kann. Musik mit hohem pädagogischen Anspruch.

facebook.com/sylvain.chaveau.music

 

Blank Nurse/No Light: „HIV 1994“ (Forking Paths)

Blank Nurse/No Light – HIV 1994 (Forking Paths)
Evan Davies, der „Kopf“ von BN/NL, hat offenbar keinerlei Probleme damit, zwischen Neo-Klassik und Black Metal so ziemlich alles in den Topf zu werfen, was zur Umsetzung seiner Ideen taugt. Dennoch lässt sich ihm Beliebigkeit noch am allerwenigsten zum Vorwurf machen. Dann schon eher die sture Verweigerung jeglicher Vorwarnung. Welche
HIV 1994 wiederum zu einem Album für erklärte Freigeister macht, die es ertragen können, wenn das zuvor skizzierte Sentiment minütlich zu zerplatzen droht. Und die Fetzen Kräfte freisetzen, die nur einem absolut nonkonformistischen Credo entsprechen können. Wer sich zuletzt etwa an Zeal And Ardor zu delektieren vermochte, dürfte hier ein weiteres – und überaus lohnendes – Betätigungsfeld finden.

blanknursenolight.bandcamp.com

 

Pavallion: „Stratospheria“ (Tonzonen Records/H’Art)

Pavallion – Stratospheria (Tonzonen Records/H’Art)
Der Vierer aus Krefeld strickt auf seinem zweiten Longplayer unbeirrt weiter an seinem – selbst für konventionelle Postrock-Verhältnisse gewagten – Konzept. Dem des (zur Not, wie im Falle des Titeltracks auch halbstündigen) Einlullen in eine Art Sound-Vakuum, welches Pavallion aber so dermaßen durchtrieben mit erregenden Details zu füllen verstehen, dass der Hörer durchaus dazu geneigt ist, trotz aller vorgeblichen Simplizität die Orientierung (wenn nicht gar den Kopf) zu verlieren. Simultan brennen sich die kompositorischen Stützpfeiler so dermaßen imperativ ins Langzeitgedächtnis ein, dass man vor diesem Album besser warnen sollte. Wenn es nicht so durchdringend beeindruckend (oder schlicht so gut) wäre.

facebook.com/pavallion

Ein Nachwort? Diesmal nur gegen Honorar.

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