Abriss einer ukrainischen Musikhistorie

Epengesang – Romanze – Kirchenkonzert

Ähnlich wie ihr Nachbarland Polen musste die Ukraine stets als „Puffer“ zwischen den größeren Mächten herhalten, nicht erst, seit die Interessen russischer Bevölkerungsteile zum Politikum wurden und – unter Einwirkung aus östlicher Richtung – Krieg nach sich zogen. Die gegenwärtige Situation verstellt leider den Blick auf die Bedeutung der Künste, speziell der Musik im Land, die nicht nur durch Mussorgskys „Große Tore von Kiew“ als Leitmotiv in den (bisher unentdeckten) Bildern einer Ausstellung im europäischen Kanon seinen festen Platz finden sollte.

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Der ukrainische Dudelsack (oben) gehört zum ältesten Repertoire der aus dem 15. Jahrhundert überlieferten Musikinstrumente des Landes zwischen den Mächten (Аимаина-хикари, 21.7.2013, CC-Liz.).

Dabei birgt die heutige Ukraine mit der Kiewer Rus das weit mehr als tausend Jahre alte einstige Kernland der Nachfolge des ostslawischen Großreiches. Auch die Integration des (trotz indigener Sprache) beständig fremdbeherrschten Landes  in die Sowjetunion im Jahr 1922 änderte nichts an einer gewissen eigenständigen Weiterentwicklung der Künste, die allerdings durch die 1991 endlich erreichte Unabhängigkeit beflügelt wurde. Im Konzert der slawischen Kulturen gehört die ukrainische Volksmusik mit zu den ältesten Zeugnissen. Nach den weit zurückliegenden kalendarisch und lebenszyklisch orientierten Gesängen kam im 15. Jahrhundert der in der Regel von der Drehleier begleitete Epengesang zur Feier einer mehr und weniger erfolgreichen Verteidigung gegen die bedrohlichen Kräfte von außen, namentlich der Tataren, Türken und Polen auf, die stimmlich melismatisch angelegte und solistisch vorgetragene Dumka.

Gesangsduett von Mikolai Lyssenko (vor 1912; Ukr., US p.d.)

Parallel zu anderen europäischen Ländern, die sich im 19. Jahrhundert auf ihr kulturelles Erbe zurückbesannen, entstand in der Ukraine ein Romanzenrepertoire auf der Grundlage neuer Poesie über historische Themen. Die Ensembles setzten sich aus völlig heterogenen Instrumenten zusammen, zu denen Karpatische Trompete, Dudelsack, Maultrommel und die Lautenvarianten Qopuz, deren Verwendung bis ins 9. Jahrhundert zurückreicht sowie seit der Renaissancezeit die Bandura gehörten. Hinzu kamen auf der Basis der Kirchenmusik der dreistimmig komponierte weltliche Kant, der aber kein Privileg der Kunstmusik war und keine höhere (Aus-)Bildung bedingte.

Aus den Adelskreisen des Hofs von Hluchiw stammt der für die ukrainische wie auch die deutsche Kirchenmusik der Klassik wichtige einstige Chorsänger Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751 – 1825), der lange Zeit im zaristischen St. Petersburg komponierte (Дмитрий_Бортнянский-Гравюра-Ф.П.-Бореля-Ukr.-p.d..)

Im 18. Jahrhundert entstand ein kunstmusikalisches Zentrum am Hetmanen-Hof in Hluchiw. Sowohl der Opernsänger Maksym Berezovskyj als auch der Komponist Dmitri Bortnjanski wurden in Italien unterwiesen und prägten mit ihrer Übernahme und Anlehnung an westliche Stile die Musik des Landes. Die weitreichende Chorbewegung um 1840/50, ein Kind der nationalromantischen Phase also, bediente sich an der Volksmusik; als Vorreiter in diesem Bereich, auch was die Aufführungspraxis betrfft, kann der Komponist Mikola Lyssenko genannt werden. Wie andernorts unter dem Diktat der Sowjets konnte seit 1930 der Anschluss an westeuropäische Traditionen nur mühsam (wieder)erlangt werden; für neuere Entwicklungen sorgten nach dem Zusammenschluss mit Transkarpatien hier unter anderen die Avantgarde mit Vladimir Huba und der Folklorismus und Chanson Viktor Morozovs.

Als bedeutende Repräsentantin der modernen Musik der Ukraine gilt die 1976 in Ismajil geborene spätere Komponistin Svitlana Azarova, deren Zweitsprache Niederländisch ist (Michel Marsang, 11.11.2009, OTRS-Liz.).

In den 1990er Jahren erfuhr ebenso aufgrund der gewonnenen Freiheit die Kirchenmusik eine Wiederbelebung, stellvertretend für die langsam sich etablierenden Ensembles für moderne Musik sei die Formation Klaster aus Lemberg angeführt, die 1993 begründet wurde. Nach Michael Endes Kinderroman Momo schuf Svitlana Azarova, Tochter aus ukrainisch-niederländischer Familie und ehemalige Schülerin von Karmella Tsepkolenko in Odessa als Vertreterin der jüngsten Komponist(inn)engeneration 2015/16 die Oper MOMO und die Zeit-Diebe; die Geschichte von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.