Pfade durch die Musiklandschaft Australien LVI

Ein Kalendertag – Zwei (Ge-)Denktage

Da er den Mantel mit dem Bettler teilte, wurde der Heilige Martin von Tours, der im vierten nachchristlichen Jahrhundert lebte, (beinahe) international zum Vorbild des sozial handelnden Menschen. Entsprechend den kirchlichen Traditionen dreht sich in Europa zum St.-Martins-Tag, diesmal an einem Sonntag, alles wieder um die stimmige geistliche Chor- und Instrumentalmusik, selbst in den überwiegend protestantischen Gebieten, da hier auch die Verknüpfung mit Luthers Vornamen hergestellt wird.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Detail eines Wandgemäldes, das den Heiligen Martin darstellt, unter der Orgelempore einer katholischen Kirche (Brentwood, USA/Kalifornien, 29.11.2009, Cbl62, CC-Liz.)

In Australien spielt das Fest eine untergeordnete Rolle, im Grunde nur bei den Siedlerinnen und Siedlern, die aus deutsch- und englischsprachigen europäischen Regionen ihre Tradition mitgebracht haben und auch Laternenumzüge pflegen.

Der 11. November markiert für Australier vielmehr das Ende des Ersten Weltkriegs, morgen genau vor 100 Jahren, das auf einem Waffenstillstand, Armistice, zwischen der deutschen Angriffslinie und den fünf australischen Divisionen in Frankreich beruhte. Da der Krieg und zumal einer von diesen Ausmaßen weder Sieger noch Verlierer kennt, wogen die Verluste für eine Armee mit 60.000 Soldaten innerhalb von vier Jahre anhaltenden Kämpfen schwer. Aus diesem Grund feiert man – wie weltweit viele Länder – auch in Metropolen wie Sydney, Melbourne, Adelaide und Perth kaum den Heiligen Martin, sondern im Sinne des Totengedenkens vorrangig den Remembrance Day.

Australian War Memorial in Canberra – Ort der Feierlichkeiten zum 100jährigen Gedenken des Endes des Ersten Weltkriegs am 11.11.2018 (Peter Ellis, 28.4.2005, GNU Free Doc. Lic., CC-Liz.)

Zentrum auch der diesjährigen Feiern ist das Australian War Memorial in der Hauptstadt Canberra, die Zeremonien beginnen hier am Vormittag um 11 Uhr. In Perth wird der Tag zudem mit einem großen Konzert des Symphonischen Chors und des Philharmonischen Orchesters der Stadt unter Leitung von Margaret Pride begangen. Auf dem Programm stehen, der Würde der Feierlichkeiten angemessen, Gabriel Faurés Requiem (1888/99) und Ralph Vaughan Williams‘ Dona nobis pacem (1936) auf der Basis des liturgischen Messetexts. Im Mittelpunkt der Aufführung beider Werke stehen die Sopranistin Sara MacLiver und der Bariton Christopher Richardson.

Auditorium des zentralen Konzerthauses in der australischen Metropole Perth, in der am 11.11.2018 u.a. Gabriel Faurés ‚Requiem‘ erklingt (Feb. 2015, Iwelam, CC-Liz.)

Erst kürzlich wurde der unter tragischen Umständen 1916 umgekommene Komponist Frederick Septimus Kelly (* 1881) aus Sydney wiederentdeckt: Er schrieb The Diggers‘ Requiem, – zum Gedenken an die Schlacht von Pozières nur zwei Wochen vor seinem Tod. Daraus erklingt in einem Sonderkonzert in Canberra mit Composer-in-Residence Christopher Latham sein Kyrie – neben anderen Kompositionen vornehmlich australischer Komponistinnen und Komponisten wie Elena Kats-Chernin. Das Konzert wurde bereits am 6. Oktober in der Llewellyn Hall vom Australischen Rundfunk live ausgestrahlt und aufgezeichnet.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.