Silvana Schröders Choreographie am Theater Erfurt

Giselle: Spiegel des Balletts

Das verträumte Mädchen Giselle wird immer wieder von seiner gebieterischen verstorbenen Mutter heimgesucht. Beistand findet sie nur bei einem alten vertrauten Freund, Albrecht, dessen Anwesenheit sie glücklich macht. Allerdings weiß ihr Bruder Hilarion, dass Albrecht, der mit Bathilde liiert ist, ihre liebenden Gefühle nicht erwidert. Im weiten Akt wird Hilarion wie Orest von den Erinyen zu Tode getanzt, womit er dasselbe Schicksal erfährt, das sich Giselle am Ende des ersten Aktes willentlich zugedacht hatte. Im Reich der Toten gerät auch Albrecht, an dem sich ihr Geist nun rächen will, in ihren Sog, doch bringt sie es wohl aufgrund ihrer einstigen Liebe zu ihm nicht übers Herz ihn zu töten.

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Die schwierige Rolle von Mutter Myrtha aus der Jenseitswelt wurde von Alina Dogodina eindrucksvoll realisiert (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

Von Petipas sonst häufig gewählter Choreographie ließ sich Silvana Schröder in ihrer Deutung von Adolphe Adams Ballett (1841) – nach dem Libretto Théophile Gautiers und Vernoy de Saint-Georges‘ auch auf der Basis einer Sagenerzählung Heinrich Heines – nur punktuell inspirieren. Dies gilt etwa für Elemente beim ersten Auftreten der Willis, „Untoten“ aus dem Jenseits, im zweiten Akt. Die spezielle Sichtweise der in der Dresdner Palucca-Schule ausgebildeten Tänzerin und jetzigen Ballettdirektorin bei Theater&Philharmonie Thüringen führte aber zu einer gänzlich anderen Interpretation auf der Folie einer modernen Inszenierung in Zusammenarbeit mit der weltweit erfahrenen Bühnenbildnerin Verena Hemmerlein.

Daria Suzi als Giselle und Filip Kvačák als Albrecht (Ronny Ristok)

Adams nur scheinbar frohgemute Musik im ersten Akt kennt neben der von Jörg Rothkamm für das ganze Werk beschriebenen Erinnerungsmotivik (erstmals in einer Ballettkomposition!) demnach viel Hintergründiges, das dem doch recht gruseligen Stoff entgegenkommt: Es zeigt sich etwa am (plötzlichen) Innehalten der Instrumentalstimmen und an dem kraftvoll vorwärtsdrängenden, Silvana Schröders Empfinden nach „strengen“ Duktus  der Partitur. Wichtiger noch ist, dass die Handlung um das Zu-Tode-Tanzen der Geschwister Giselle und Hilarion die besonders herausfordernde Seite des Balletttanzes spiegelt.

Choreographin Silvana Schröder wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Sie ist seit 2017 außerdem Honorarprofessorin am Shengyang Conservatory of Music (Ronny Ristok).

Hier ist vornehmlich der mühsame Tanz auf den Zehenspitzen zu erwähnen, der traditionell auf die Hauptfigur, am Abend des 16. November 2018 vorgestellt durch die Tänzerin Daria Suzi, zugeschnitten ist, obgleich er auch von der Willis-Gruppe vorgeführt wird – als Beispiel für die beinahe bis zur Selbstaufopferung reichende körperliche Beherrschung und erschöpfende Bewegungsintensität von Balletttänzer/innen im allgemeinen.

Der Corps de ballet repräsentiert die Willis aus Heines Sagenbearbeitung ‚Elementargeister‘ (mit Daria Suzi; Ronny Ristok).

 

Hinzu kommt Giselles exzeptionelles mit Haltegriffen versehenes Kostüm, das den gegen sie und mit ihr agierenden Akteuren die Möglichkeit zu bestimmten Drehungen erlaubt sowie die Möglichkeit, im Wechsel der Tanznummern der Musik variable Bilder zu entwerfen – wie es das auf die Seite gestellte Boudoir im zweiten Akt zeigt: Das Bett steht wie Giselle als solche Kopf, die Eingangstür in das Reich der schwarzen Seelen ebenso wie in den Kleiderschrank ist nunmehr parallel zum Boden angeordnet; durch sie zieht der Geist von Mutter Myrtha den toten Hilarion in die Jenseitswelt.

Dirigent des gestrigen Abends: Takahiro Nagasaki (Ronny Ristok, 1.11.2018 für Theater Erfurt)

Regie und Bühnenbild verzichten nicht auf Härten, die der Stoff reichlich bietet: Symbolisch auch für die mühevolle Seite des Tanzes als solchen werden die Agierenden, die Opfer von Gewalttat werden (Hilarion, Albrecht) oder die sich selbst verletzen (Giselle), die Füße verletzt, so dass sie sich nicht mehr aufrechthalten geschweige denn weitertanzen können. Die musikalische Gestaltung durch den jungen Pianisten und Dirigenten Takahiro Nagasaki, der in Japan und an der Leipziger Hochschule Felix-Mendelssohn Bartholdy studierte, war von atemberaubender rhythmischer Intensität und Präzision in den Details; fast schien es, als würde er auf dem Pult – nach vorne ausladend – ein Bild zeichnen, um dem Orchester seine Interpretation der Partitur gleichsam imagologisch in die Luft zu malen. Das Erklingen der Spieluhr mit Brahms‘ Guten Abend, gute Nacht nach Claudius passt zwar auch textlich zur gesamten Interpretation, stellt jedoch einen kleinen musikalischen Anachronismus dar.

Schlussszenario: Giselle (Daria Suzi) überwältigt Albrecht (Filip Kvačák), tötet ihn aber nicht (L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Eine Überraschung hielt die Gruppe der schwarz gekleideten und halb maskierten Tänzer bereit, denn es handelte sich ausschließlich um Männer. Berückend ausdrucksvoll vermittelte sich der leidenschaftliche Tanz von Filip Kvačák als Albrecht, von Vinicius Leme als Hilarion und zudem Carolina Micone als Bathilde. Ebenso hervorzuheben sind der Ensembleklang der beiden Philharmonischen Orchester Erfurt und Altenburg-Gera sowie die Einzelleistungen der Solist/inn/en an Harfe, Oboe und den Violinen.

Literatur
Jörg Rothkamm: Ballettmusik im 19. und 20. Jahrhundert. Dramaturgie einer Gattung. Mainz, London u.a. 2011. S. 113 – 130.

Spielplan des Theaters Erfurt Saison 2018/19

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.