Töne aus den Staaten: New York und andere

Was sich hinter ACA verbirgt

Wechselseitige Inspirationsquellen waren nordamerikanische und europäische Kulturen seit der Aufklärung, wobei sich eine breite Rezeption erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts abzeichnete, was durch die vermehrte Einwanderung in den USA mitbedingt war. Wenn von Musik die Rede ist: Das Schaffen US-amerikanischer Komponisten in Europa nimmt sich bis heute demgegenüber marginal aus. Noch in weit größerem Maß als die europäischen nahmen sich Tonkünstler in den Vereinigten Staaten aber Anleihen bei prinzipiell allen Weltmusikkulturen. Annette van Dyck-Hemming machte sich die Mühe, die Hauptströmungen des höchst pluralistisch agierenden Komponistenforums von 1950 an jenseits des Atlantiks zu bündeln.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Eines der Wahrzeichen US-amerikanischer Kunstmusik „in performance“ ist das Capitol Theatre in Wheeling, West Virginia (Capitol Music Hall, Carol M. Highsmith, Library of Congress Lic., 2015).

Der Unterschied gegenüber Szenarien anderer großer Staaten fällt dabei – mit Ausnahmen – weniger ins Gewicht: In Australien etwa oder Russland wurden, bedingt durch die geokulturelle Ferne, die geringeren Austausch nach sich zog und zieht, deutlich seltener südamerikanische Folklore und Stile „aufgesogen“ als in den USA. Gründe für die weltweit einmalige Auffächerung der Musikrichtungen dort waren der Wegfall einer Notwendigkeit nationaler Selbstverortung und die exklusive „populistische“ Orientierung am Publikumsgeschmack. Einmal entwickelten sich seither der Third Stream Jazz aus der Verknüpfung von konzertanter Kunstmusik und Jazz, zweitens eine Form des auf verschiedene Epochen zurückgreifenden Neoklassizismus, drittens Musik unter Einbezug von (jeglicher) Folklore, viertens Aleatorik und Indeterminacy, fünftens Serialismus, sechstens eine intellektuelle atonale Schule, siebtens – mehr oder weniger durch Elliot Carter begründet – die Kombination aus postserieller Materialverwendung mit Polymetrik im Sinne Nancarrows und einer gewissen Programmgebung, die noch für die aktuelle Praxis polytonalen Komponierens verantwortlich ist.

Die engagierte Komponistin Marion Bauer steht verbindend für die Organisationen der Komponisten in den Vereinigten Staaten (1922, Dr. Susan Pickett, US p.d.).

Diese so grundverschiedenen Wege auch im Sinne der Durchsetzung wirtschaftlicher Standards institutionell, teils aber lose zu organisieren, war die Aufgabe diverser amerikanischer Komponistenverbände. Eine verbindende Rolle spielte hier die Komponistin Marion Bauer (1882 – 1955) aus dem Staat Washington, die in Frankreich sowie in New York studierte, wo sie schließlich an der Universität lehrte. Sie war nicht nur Mitbegründerin der American Music Guild, der Society of American Women Composers, des American Music Center und der American Composers Alliance, sondern auch Mitglied der Society for the Publications of American Music und der League of Composers. Die American Composers Alliance, aus der Taufe gehoben im Jahr 1937 unter anderen von Aaron Copland, stellt heute das bedeutendste Gremium dar. ACA umfasst heute mehr als 200 Mitglieder und vergibt jedes Jahr den Laurel Leaf Award für besondere Leistungen auf dem Gebiet der – von so genannter U-Musik nicht scharf zu trennenden – Kunstmusik der USA.

Regeln für die Teilhabe an der American Composers Alliance ist die Zugehörigkeit zur Organisation Broadcast Music Inc. und die Verpflichtung, zeitgenössische, klassisch fundierte Musik zu komponiere; stilistisch sind keine Grenzen gesetzt. Außerdem müssen hier signierte Musikschaffende mindestens zwei Partituren vorlegen und sich biographisch ausweisen. Die wesentliche Aufgabe des Verbandes besteht in der Veröffentlichung aktueller Kompositionen unter dem Label ACE; seit 2001 findet jedes Jahr im Juni ein großes Festival statt, zu dem um die dreißig Komponisten in zwischen sechs und acht Konzerten ihre neuesten Werke vorstellen. Letztes Jahr konnte das bereits 80jährige Bestehen von ACA gefeiert werden.

Literatur u.a.
Annette van Dyck-Hemming: Nordamerika. In: Riemann Musik Lexikon. Band 4. 13. Auflage 2012. S. 10 – 14.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.