Fernerkundung aus der Nähe

Konklusion der Exklusiven: Südkorea und Europa

Die Donaueschinger Uraufführung von Sori für Orchester machte die koreanische Komponistin Younghi Pagh-Paan Anfang der 1980er Jahre schlagartig weltbekannt. In Deutschland, wo sie nach ihrem Anfangsstudium der Musiktheorie und Komposition in Seoul dann bei Klaus Huber und Brian Ferneyhough die Fertigkeiten im Tonsatz und bei Edith Picht-Axenfeld im Fach Klavier perfektionierte, war ihre Ausrichtung fast ein Alleinstellungsmerkmal: Sie ergründete fortan die Kombinationsmöglichkeiten koreanischer (traditioneller) Instrumentalmusik mit genuin europäischen Formen. Im Zentrum der Werke steht als exotisches Element damit die südostasiatische Variabilität des Einzeltons selbst, der deutlich intensiver als nach der abendländischen Konvention gestaucht, gedehnt, verziert und durch Glissando sowie andere Techniken verändert wird.

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Das Ensemble Recherche widmete sich der subtilen, Koreanisches mit Europäischem verbindenden Kammermusik von Younghi Pagh-Paan (* 1945; B000025UF3, Disq. mont. 1994).

Darüber hinaus gilt diese „Geschmeidigkeit“ in Bezug auf den Ton auch für den Parameter Harmonik, vor allem aber für die Rhythmik, denn Schlaginstrumente dienen in Korea seit etlichen Jahrhunderten dem Gebet. Sänger werden gerne von Perkussion begleitet, so in Mein Herz (1991) und Bi-Yi (1999). Bestimmte Vortragsarten, die Melodien betreffen, eignen etwa dem ländlichen Sinawi-Spiel, andere wieder dem Volkstheater. Dabei geht es natürlich ebenso darum, aus welchen Quellen die Komponistin ihre Inhalte bezieht. An erster Stelle ist die Poesie zu nennen, die immer mit Performanz verknüpft ist.

 

Pagh-Paan unterrichtet seit 1994 Komposition an der Hochschule der Künste in Bremen (Räume im Alten Gymnasium, Jürgen Howaldt, April 2014, CC-Liz.).

 

Die Folgen der teils aus der Ferne erlebten Teilung des früheren Mutterlandes mag in manchem Stück einen Widerhall gefunden haben. In Flammenzeichen (1983) beschäftigte sich Younghi Pagh-Paan, die seit 1994 als Professorin an der Hochschule für Künste Bremen arbeitet, nach anfänglichen Widerständen gegenüber dem Thema jedoch mit dem Übergang zur nationalsozialistischen Diktatur und ihren Auswirkungen, genauer: In die Komposition flossen Auszüge aus den Flugblättern der „Weißen Rose“ ein. Die Artikulation der Gedanken durch Sprache und letztlich in Klängen bildet nicht nur hier einen wesentlichen Ausgangspunkt ihres Schaffens.

Im Westen Südkoreas liegt Cheongju, Geburtsstadt der Komponistin Younghi Pagh-Paan (hyolee2, 1.7.2014, CC-Liz.).

 

 

Entsprechend spiegeln viele Titel ihrer Kompositionen basale Wörter des Koreanischen, etwa Madi, das sowohl Knoten und Gelenk als auch Takt(strich) bedeuten kann. Andere Einzelbegriffe führen wie ein Seidener Faden (1992/93) von Hang-Sang („Dauerhaftigkeit“, 1993) zum Tsi-Shin-Kut („Erdgeistritual“ für 4 Schlagzeuger und Computerklänge, 1993/94), von einem unerfüllten Wunsch (Sowon, 1994/95) zur Lobpreisung (Go-Un Nim, 1997/98). Im Übergang zum 21. Jahrhundert faszinierte die Komponistin die mythologische Figur der griechischen Io, deren zentrales Kharma sie in der Flucht und im Umherirren definierte. Auch in Anlehnung an das koreanische Instrumentarium veröffentlichte sie 2002 das Kammermusikwerk Silbersaiten für Violoncello und Klavier.

Literatur u.a.
Allmuth Behrendt: Younghi Pagh-Paan. Porträtskizze – ein Versuch. In: Frau Musica heute. Konzepte für Kompositionen. Rheinsberg 2005. S. 147 – 159.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.