Brillant und farbenreich: Das 3. Sinfoniekonzert der neuen Spielzeit

Pathos heißt Leidenschaft

Die Begeisterung für ein musikalisches Werk muss nicht mit Gefühlsüberschwang, Getöse und Tastendonner einhergehen. Dieser Einsicht scheint auch die Pianistin des Freitagabends im Theater Erfurt gefolgt zu sein: Anders als es mancher Hörer von älteren Einspielungen gewohnt sein mag, entfaltete sich Jieni Wans Leidenschaft für Edvard Griegs Klavierkonzert a-Moll op. 16 aus der Substanz und selbst die Solokadenzen schienen durchdachter und organisierter als man es von champagnerschäumenden Interpretationen älterer Provenienz kennen mag. Dort, wo Grieg dem Konzert tänzerische Passagen eingeschrieben hat, wurden diese von Jieni Wan im rhythmischen Gleichmaß, aber „swingend“ genommen.

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Teil drei des Konzerts am 23. November 2018: Das Eingangsthema der Suite für großes Orchester ‚Scheherazade“ von Rimsky-Korsakoff stellt im Notenbild nichts anderes dar als eine absteigende Ganztonskala, wobei der letzte Klang der Triole (hier rot markiert) als markanter Halbtonschritt abweicht (Hyacinth, 10.3.2011, p.d.).

Eine weitere Exklusivität des nicht einmal annähernd je so gehörten Vortrags bestand im subtilen Einsatz des Pedals, der kaum zu bemerken war, denn ohnehin leistete das ausdrucksvolle Spiel der Hände hier schon alles. Kraftvoll wurden im 3. Satz vollkommen entsprechend der Anweisung des Komponisten, Allegro moderato e marcato, die Akkordläufe gesetzt, doch an keiner Stelle glitt die Interpretation ins Pathetische oder Sentimentale ab. Sehr stimmig zum Grieg-Konzert gab es nach langem Applaus als Zugabe von der in Deutschland geborenen und neben Shanghai und Peking in München ausgebildeten, erst dreiundzwanzigjährigen Künstlerin eine auf „westliche“ Art durchgeführte chinesische Volksweise zu hören, die gefühlsinnig und elegant den Auftritt abrundete.

Jieni Wan wurde 1995 in Deutschland geboren, ging aber mit ihren Eltern nach China, wo sie in Shanghai und Peking Musik studierte. Sie spielte mit mehreren großen Orchestern in allen Teilen der Welt, unter anderem in Neuseeland, China und Großbritannien (Theater Erfurt).

Das Herzstück des 3. Sinfoniekonzerts wurde präludiert von einem – dank der 2003 verliehenen Haupttrophäe anlässlich des Londoner Kompositionswettbewerbs Masterprize – der populärsten Orchesterstücke nach der Wende zum 21. Jahrhundert, nämlich Rainbow Body von Christopher Theophanidis. Zwei Ideen aus zwei völlig verschiedenen Welten, die sich aber in einer apotheotischen Orientierung am Jenseitigen kreuzen, liegen dem nicht allzu langen, aber von fulminanten Tutti-Einsätzen geprägten Feuerwerk der Stile zu Grunde: zum einen die nicht völlig authentisch zitierte Melodie eines Gesangs Hildegards von Bingen, zum zweiten die tibetanische Vorstellung der körperlichen Transfiguration eines Verstorbenen in bloße Lichtenergie, die an das Universum abgegeben wird.

Christopher Theofanifis, geboren 1967 in Dallas/Texas, erhielt Aufträge von bedeutenden amerikanischen Orchestern in Ost und West und lehrt derzeit in Yale, wo er auch eine Zeit seines Studiums verbrachte (Matthew Friend).

Die Tempi wurden hier vom Philharmonischen Orchester Erfurt anfänglich ziemlich forciert genommen, was im ersten Teil den Eindruck der kompletten, aber nur scheinbaren Indisparatheit der in Material und Anlage höchst unterschiedlichen Teile verstärkte. Dabei zieht sich ja die eingängige und lang ausgesponnene Grundmelodie wie ein roter Faden durch die ganze Komposition. Ebenso ungewöhnlich für abendländisch basierte Musik wie effektvoll leuchteten die Glissandi einzelner Melodietöne heraus.

Das 3. Sinfoniekonzert der Theatersaison Erfurt fand am 22. und 23. November 2018 unter Leitung von GMD Myron Michailidis statt (Dguendel, April 2009, GNU Free Doc. Lic.).

Mit Schwung und Detailversessenheit arbeitete Dirigent Myron Michailidis die Einzelgeschichten aus 1001 Nacht, wie sie in Nikolai Rimski-Korsakoffs Scheherazade-Suite vereint sind, zum krönenden Abschluss des Abends heraus. Vor allem der spanische Tanz im Mittelstück erinnerte in dieser Lebendigkeit fast „hautnah“ an etliche der romantischen Musiklegenden um Alhambra und arabisch geprägte Kulturelemente des alten Andalusien. Brillant und souverän, insbesondere klar und geschmeidig in den Flageolett-Tönen zauberte Stefanie Appelhans‘ Violinsolo die farbige Welt dieses Archipels auf die imaginäre Leinwand im Hintergrund des Orchesterpodiums.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.