Amusio Assessment Center (6)

Mark Forster

Hazards Of Swimming Naked: „Take Great Joy“ (Bird’s Robe Records)

Der sämtliche urbane Werbeflächen großformatig deckende Hinweis darauf, dass Mark Forster ein neues Album veröffentlicht hat (Liebe), schürt den Gedanken, was passieren könnte, wenn eine der im Folgenden kurz vorgestellten Scheiben ebenso gepusht werden würde. Vermutlich verliefe sich das Unterfangen als „Kunstaktion“ ins Nichts geistiger Auktionshäuser. Zumal die pädagogische Macht der Außenwerbung generell überschätzt wird. Die der Online-Musikmagazine jedoch auch. Oder?


Hazards Of Swimming Naked – Take Great Joy (Bird’s Robe Records)

Gerade mal neun Jahre nach seinem Debütalbum –
Our Lines Our Down – legt das aus Brisbane stammende Quintett HOSN dessen Sukzessor vor. Auf dem es ihm erneut gelingt, sich der Statuten des Postrock zu bedienen, ohne deren Schablonen zu erliegen. Vielmehr erschaffen HOSN eine Soundästhetik, die von der Betonung des scheinbar Marginalen lebt. So verschiebt sich der Fokus von möglichst breitwandig angelegten Scapes zu filigranen Details, die ein munteres Eigenleben führen. Dass hier jeder Ton exakt gesetzt wurde, steht außer Zweifel. Doch der mesmerisierende Flow des Track-Bouquets widersetzt sich einer allzu analytisch verkopften Anmutung. Der Aufgriff eines isländischen Wiegenlieds gegen Albummitte passt da hervorragend ins Gesamtbild.

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Shuffle: „#WontTheyFade?“ (Klonosphère/Season Of Mist/Soulfood)

Shuffle – #WontTheyFade (Klonosphère/Season Of Mist/Soulfood)
Knackiger Riff-Rock fundiert weit ausholende Gesangslinien – da liegt die Assoziation zu Dredg mal wieder nahe. Doch erweisen sich Shuffle aus Le Mans – nicht nur im direkten Vergleich – als latent dem Noise anhängig als somit auch als geerdet. Andererseits gönnen sie sich den ein oder anderen Ausflug in die Gefilde des Modern Prog. Und dann wird die Sache erst so richtig interessant, – und rückt das Unterfangen in die Nähe von Circa Survive und Konsorten. Durchgängig erweisen sich die Franzosen als Meister der Texturen – und wenn es ein Song erfordert, wird auch mal kurz gerappt. Die trauen sich was! Und das oft bemühte „emotionale Wechselspiel“ wird zur ungekünstelten Selbstverständlichkeit.

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Plyxy: „Gloryland“ (Hallow Ground)

Plyxy – Gloryland EP (Hallow Ground)
In jüngsten Jahren wurde Ros Knopov 1989 von Dnepropetrovsk nach New York ausgewandert. Auf seinem Fünftracker begibt er sich auf Spurensuche. Doch die Erinnerungen bleiben vage, materialisieren sich als uneinheitliche Klangkonstruktionen, die zwischen Nostalgie und Entfremdung verstörend vermitteln. Sie umgarnen das Verborgene, tangieren das Vergessene – und respektieren bei aller lautmalerischen Versuchung das auf immer Verlorene. Überwiegend einladend, stellenweise jedoch auch schroff abweisend gestaltet, droht die EP vor lauter Anspielungen ans Vage zu bersten. Aber sie hält dem Druck stand. Wie ein egozentrischer Träumer in der Tiefe seines imaginativen Forscherdrangs.

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Reinier Van Houdt: „Igitur Carbon Copies“ (Hallow Ground)

Reinier Van Houdt – Igitur Carbon Copies (Hallow Ground)
Auf der Suche nach sich selbst befand sich auch der Symbolist Stéphane Mallarmé in seiner unvollendet gebliebenen Erzählung
Igitur – Ou La Folie d’Elbehon. Sie dient nun dem gelernten Pianisten und umtriebigen Klangforscher Reinier Van Houdt als Orientierungspunkt seines Albums, dessen auf Mallarmés Vorlage fußenden Textpassagen – völlig unaffektiert – von Current 93-Kollegen David Tibet rezitiert werden. Igitur Carbon Copies operiert im Bann der Maxime größtmöglicher Verunsicherung. Der Klangraum lässt bisweilen kaum zwischen Nähe und Ferne unterscheiden. Assoziation und Immersion diffundieren, über allem kreist das Fatum. Die Angst. Die Furcht vor dem, was da noch lauert, als Überbleibsel einstiger Verschuldung. Insbesondere das in unbeirrbarer Latenz voranschreitende Momentum erzeugt eine überaus reizvolle Vision aus Paranoia und Reue. Wenn auch eher als Dramolett, denn als Psychogramm situiert.

facebook.com/reinier.vanhoudt

Erik Griswold: „Yokohama Flowers“ (Room40)

Erik Griswold – Yokohama Flowers (Room40)
Mental eng mit den Arbeiten der australischen Filmemacherin Louise Curham verflochten, präpariert Erik Griswold sein 131 Jahre altes Piano, das er sich aus Deutschland nach Brisbane hat kommen lassen. Und entlockt ihm Klänge, die ihren wahren Ursprung bisweilen kaum noch erahnen lassen. Diese kleidet er in Miniaturen, die bei aller vordergründigen Griffigkeit über sich selbst hinaus verweisen. Vielleicht auf die
Yokohama Flowers? Doch diese naheliegende Konklusion scheint zu kurz gegriffen. Denn von ikonographisch definiertem Kitsch kann hier nicht die Rede sein. Eher von einem gelungenen Versuch, dem unendlichen Klangspektrum des Klaviers einige Facetten abzuringen, die man bisher noch nicht vernehmen durfte. Und die sich ins Gemüt einschmeicheln, bis sich der bunte Reigen vorerst wieder schließt.

facebook.com/theerikgriswold

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