Amusio Assessment Center (6)

Mark Forster

Public Memory: „Demolition“ (Felte)

Public Memory – Demolition (Felte)
Von der Bunt- zur Schwarzwäsche: Hinter Public Memory, diesem entschieden atmosphärisch operierenden Hybriden aus TripHop, Kraut und Cold Wave, steckt Robert Toher, der sich zuvor bei Eraas und Apse einen guten Namen hat verschaffen können. Ob und inwiefern sich dieser Stilmix als „innovativ“ bezeichnen lässt, ist ungefähr so relevant wie die Frage nach dem Ei des Kolumbus. Allein die Verstrickung von diversen Samples, stoischem Schlagwerk und jeder Menge
Korg-Power sorgt für sinistere Unterhaltung ab ovo. Bei aller zugänglich gehaltenen Song-Motorik die stilisierte Distanz wahrend, wird auch der naheliegenden Tanzbarkeit so manch Knüppel in die Beine geklöppelt. Per Bumerang. Wie aus einer katatonischen Starre soeben erwacht, sich die blutunterlaufenen Augen reibend, sich an das Dunkel zweiter Potenz allmählich gewöhnend. Verdammt verführerisch, dieser Abriss. Ohne Birne.

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Tomasz Bednarczyk: „Illustrations For Those Who“ (Room40)

Thomasz Bednarczyk – Illustrations For Those Who (Room40)
Der prominenteste Ambient-Musiker Polens gibt sich nach mehrjährigem Hiatus (den er u.a. anhand seines New Rome Projekts zu füllen wusste) mal wieder die Full Length Ehre unter eigenem Namen. Gereift, wissend, formvollendet. Raumgreifend (sic), Ferne erschließend Nähe vermittelnd. Ist das schon Geborgenheit? Oder nur die Synchronisation allzu alltäglicher Zustände, zu einer Syntax verdichtet? Nein, man muss nicht erst das Hohelied des Ambient anstimmen, um sich darüber im Klaren zu sein, dass der gute (mit 32 noch stets junge) Mann aus Breslau mit
Illustrations For Those Who höchste Genre-Weihen zu gegenwärtigen hat. Seine rigoros behutsame Exploitation des Minimalen widersagt jeglicher Antragsprosa. Allein die Vermutung, dass er seine Kompetenz mit der Zeit noch weiter anfüttern wird, lässt dieses Album im Licht des Ephemeren erscheinen. To jest życie.

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Hanno Leichtmann: „Nouvelle Aventure“ (Karlrecords)

Hanno Leichtmann – Nouvelle Aventure (Karlrecords)
Jetzt aber wieder aufgewacht – und Obacht! Als Remix, Collage und Hommage zugleich angelegt, bedient sich der Berliner Klangarchitekt Hanno Leichtmann aus dem in siebzig Jahren gewachsenen Fundus der „Darmstädter Sommerkurse für Neue Musik“. Stellt nach Gusto zusammen und verarbeitet das Material in der ihm eigenen Manier: Cuts, Loops & Repetition.
Nouvelle Aventure stellt jedoch nicht nur eine musikhistorisch fundierte und formal riskante Sensation dar. Sondern wirkt auch unabhängig von seinen Quellen als psychedelisch beflügelter Neurotransmitter erster Güte. Wer nun einzuwenden gedenkt, das Leichtmannsche Unterfangen berge eine gewisse Fragwürdigkeit, sollte sein Verhältnis gegenüber (Neuer) Musik mal gegenchecken. Und sich Nouvelle Aventure „geben“, bevor das Vorurteil gefriert. Auch Stockhausen, Nono oder Xenakis sollten sich geschmeichelt fühlen. Mindestens.

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Camila Fuchs: „Heart Pressed Between Stones“ (ATP Recordings)

Camila Fuchs – Heart Pressed Between Stones (ATP Recordings)
Als kaum weniger „einschmeichelnd“ erweist sich das zweite Album von Camila de Laborde und Daniel Hermann-Collini, die als Duo auf ihrem zweiten Album äußerst versiert eine Brücke zwischen Dark Wave und Avant-Pop schlagen. Und dies nicht etwa mit blasiert angezogener Handbremse. Nein, die beiden gehen (auch produktionstechnisch) in die Vollen – und lassen keinen Zweifel daran gelten, dass sie die Dimensionen ihres Materials weidlich auskosten, um nachhaltig wirksame Effekte zu zeitigen. Camila Fuchs nun wiederum der Effekthascherei zu zeihen, bliebe angesichts der gebotenen Leidenschaft an entfesselter Musikalität au point banale Ignoranz. Hoffentlich entgehen sie der Feuilleton-Falle. Und versetzen alsbald die Clubs in einen Rauschzustand, der sich gewaschen hat.

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Vasas Flora Och Fauna: „Starndgut“ (Startracks/Indigo)

Vasas Flora Och Fauna – Strandgut (Startracks/Indigo)
Zum Abschluss noch etwas herzzerreißend Niedliches. Kurios und köstlich: Das üblicherweise auf Finnlandschwedisch agierende Indie-Folkpop-Trio VFOF trägt eine Auswahl seiner Lieder auf Deutsch vor. Das hat immensen Charme, zumal es die Songs der Vaasaer ganz schön dick hinter den Ören haben. Mal absurd, mal betont harmlos, dann wieder ziemlich treffend die Dinge beim Namen nennend, entfalten diese – nun – Chansons eine Aura, die nur scheinbar unschuldig der Ambivalenz zuarbeitet:
Auf eine invasive Art. „Also, ich finde es toll. Ganz toll.“ (Marianne, Assistentin von Herrn Toy, Johnny Flash).

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Und wenn es passiert / und dann ist alles zu spät / Wir werden es wissen / und – ey – werden wir uns küssen / Und dann hau´n wir ab / komm hier nie mehr zurück / Dann sind wir nie mehr allein / dann gibt es nur noch uns zwei“ (Mark Forster, Liebe)

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