Neuigkeiten von Nkeiru Okoye & Søren Nils Eichberg

Variety – highly recommanded

Aus zwei Erdteilen und hinsichtlich ihrer Entwürfe doch (seelen-)verwandt: Die beiden, um die es geht, zeigen wenig Interesse an Tonsätzen, in denen sich nach festen Regeln aus einem ent- oder verborgenen Motiv Themen entwickeln, vielmehr setzen sie auf sukzessive Varianz entlang am Faden eines bestimmten Programms oder einer Idee. So treten Wiedererkennungseffekte selten ein, die Einsätze zu einem jeweils neuen Gedanken oder einem neuen „Kapitel“ sind häufig jäh und schrecken den Zuhörer aus seinem Sessel der Gemütlichkeit auf … 

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Dennoch verwenden beide etablierte Formen in ihren Opern, Symphonien oder freien Orchester- und Kammermusikwerken, etwa ostinate Fortführungen oder (mal mehr, mal weniger ausgedehnte) Zitate. Rhythmisch und metrisch gleichmäßig verlaufende Schlagwerkpassagen deuten in der Oper den Bezug zum Musical, im symphonischen Bereich zu alternierenden, gelegentlich auch popularmusikalischen Genres an.

Die Opernkomponistin Nkeiru Okoye studierte am Oberlin Conservatory of Music im Staat Ohio (Gartenseite, Daderot, Juli 2008, US p.d.).

Nach Brooklyn Cinderella, uraufgeführt am 21. Juni 2011 mit Unterstützung von American Opera Projects, legte Nkeiru Okoye, auch ihre erste eigentliche große Oper HARRIET TUBMAN: When I Crossed that Line to Freedom vor. Die instrumentalen Passagen ihrer Opernprojekte lassen an Leonard Bernsteins Musicals ebenso denken wie an George Gershwin oder Aaron Copland, an Jazz genauso wie an Gospel-Traditionen.

In den Gesangsnummern der Musikdramen, zu denen auch Tales from the Briar Patch („Geschichten aus dem Dornendickicht“) und PHILLIS WHEATELY (2005) zählen, dominiert eine Form zeitgenössischer deklamatorischer und – partieabhängig – hochexpressiver Melodik, doch sind Einflüsse der Schule Arnold Schönbergs, vor allem des Serialismus, zu erkennen. Ein ganzer Reigen einzelner Stücke ist, unabhängig von Tonträgern, auch von ihrer Soundcloud zu hören – unter anderem das in sich vielgestaltige, 2002 komponierte orchestrale Voices Shouting Out, das lyrische Abschnitte ebenso beinhaltet wie Big-Band-Sounds und mit kantigen Bläserriffs Szenerien aus dem New York der 1930er Jahre zu beschwören scheint.

Die hitzige Musical-Atmosphäre der 1930er Jahre am Broadway (New York City) scheint Nkeiru Okoye in ihrer Musik heraufzubeschwören (Broadway Mansions, 1930s, VRC p.d.).

Die Komponistin, die dank der Aufführungen ihrer Werke durch Orchester über die Vereinigten Staaten hinweg etliche Awards erhielt, scheint mit dem Reisekoffer geboren zu sein und lässt sich nur schwer an einem Ort lokalisieren. Nach Studien am Oberlin Conservatory of Music sowie der im Bundesstaat New Jersey gelegenen Rutgers University ist sie heute Expertin für New-Opera-Projekte am John Duffy Institute von Norfolk/Viriginia.

Bei der 3. Symphonie (2015) und Morpheus (2013) handelt es sich um zwei ambitionierte Beispiele der jüngsten Orchesterwerke des Pianisten Søren Nils Eichberg. Der deutsch-dänische Komponist wurde 1973 in Stuttgart geboren, studierte in Kopenhagen, lebt heute aber in Berlin. Er gilt als einer der progressivsten Künstler Dänemarks, der mit bedeutenden Klangkörpern, unter anderem auch dem des Royal Opera House London, zusammenarbeitete.

Erst vor kurzem erschien die Einspielung von Eichbergs 3. Symphonie zusammen mit dem Konzert ‚Morpheus‘: Robert Spano bzw. Joshua Weilerstein dirigieren das Dänische Staatliche Symphonieorchester und – in der 3. Symphonie – den Dänischen Staatschor (B07DS3DFXD, Dacapo Records 2018).

Ungewöhnlich an dieser 3. Symphonie ist schon die achtsätzige Anlage. Auf der Basis von Carl Nielsens „Kinderlied“ Die Sonne ist so rot, Mutter klopft er in Stationen verschiedene schöpfungs- und lebensphilosophische Ansätze auf ihre Interpretierbarkeit auch jenseits von gesprochener Sprache ab. Dazu gehört neben David Vogels hebräischem Gedicht Al sfat hakrach esheva auch Qu Yuans Frage „Wer schuf Licht aus Tag und Dunkelheit? Wer grub die Täler tief, wer trägt die Berge hoch?“ Die Satzbezeichnungen des für großen Chor und Orchester angelegten Werks entsprechen nicht den klassischen, sondern sind nur mit ungefähren deutschen Richtlinien wie „Bewegter“ oder „Ruhig“ gekennzeichnet, die ebenso den Titel des Satzes substituieren können. Unvorbereitete Momente gibt es zahlreiche, etwa der plötzliche Einfall im ersten Satz, der geradezu ein Abbild des ebenso jäh auftauchenden, gestaltlos gebliebenen Gnoms in Mussorgskys Bilder einer Ausstellung zu sein scheint.

In Morpheus, Konzert für Orchester, wird das Treiben des vielfältig zwischen Licht und Dunkel schillernden griechischen Gottes der Träume durch Blechbläser, Harfe, schwirrende Streicherstimmen, Schlagzeug geschildert; disparat wirken die aufblitzenden Bilder als Bezeichnungen der Sätze: Scheitel, Bäume, Mauern, Eschers Treppenfluchten in Form einer Toccata, Kristalle, Wolken und arktische Welten illustrieren die in Töne gefasste Traumwelt.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.