Pfade durch die Musiklandschaft Australien LVII

Tragende Stimmen: Aborigines als Musikschöpfer

Das kulturpolitische „Zeichen“ war überfällig, stellt aber nur auf kleinem Gebiet einen Ausgleich her: Dank des von ANU moderierten ersten australischen Workshops AMPLify Indigenous Composers trafen sich mit (mehr)hundertjähriger Verspätung im März 2017 fünf Aborigines-Kunstschaffende. Die aktuellen Musikprojekte von Elizabeth Sheppard, Brenda Gifford, Troy Russell, Rhyan Clapham und Tim Gray wurden vom bekannten Ensemble Offspring am Eora College inmitten Sydneys präsentiert. Auch das Jahr 2018 war von dem Forum dafür ausersehen, mit gleicher Besetzung am selben Ort einen festen Platz innerhalb der australischen Musikszenen zu erobern.

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Diese vier Künstler des „Indigenous Quartet“ (zweiter von links: der Komponist Archie Roach) repräsentieren nur einen kleinen Teil der heute in allen Sparten öffentlich aktiven Aborigines-Musiker (Michael Coghlan, Adelaide, 21.5.2016, CC-Liz.).

Da die Komponist/inn/en sozusagen aus „allen Himmelsrichtungen“ des Kontinents zusammenkommen, vertreten sie im Vokalfall auch die unterschiedlichen Varianten der von Aborigines praktizierten Sprachen, mindestens aus den Regionen von New South Wales und Canberra: Brenda Gifford etwa geht vom Derga ihrer Heimat aus, betonte im Workshop aber, ihre Musik spreche zu allen (und damit nicht alleine zu den Ureinwohnern). Mit ihrer CD Music for the Dreaming richtet sich Gifford an die Kinder, um sie mit klassischer Musik Bekanntschaft zu schließen; in den erzählend angelegten Episoden nimmt sie Bezug auf die Jahreszeiten, Aborigines-Musiktitel, teils auf Englisch, teils auf Derga kreisen um Naturmerkmale, Lebewesen und Dinge, Themen, die auf die Interessen der Jüngsten zugeschnitten sind, Rompy Stompy Crab, Bardju („Fußspuren“), Dhawara („Mond“), Ghadu („das Meer“) und vieles mehr.

Die Komponistin Brenda Gifford stammt von den Yuin an der australischen Südküste ab (Australian Music Centre).

Abgesehen von dem Umstand, dass die Wurzeln der fünf Komponist/inn/en in der rituellen Musik und Folklore ihrer Stämme begründet sind, tragen sie nicht erst seit gestern zum Repertoire, aber vor allem in Zukunft zum gerade in Australien breit aufgestellten Spektrum von Jazz und Klassik bei; ein spezifischer Hiphop-Stil von Aborigines existiert bereits seit längerem und konnte sich etablieren.

Der in Australien heute in den Vordergrund rückende Pianist und Komponist Tim Gray ist seiner Herkunft nach dem Stamm der Gumbaynggirr bzw. Wiradjuri zugehörig (Australian M.C.).

Tim Gray, der als Kind adoptiert wurde und mit fünf Jahren Klavier spielen lernte, machte als Musiker auch schwierige Lebensphasen durch – besonders in der Zeit, als er seine leiblichen Eltern suchte und fand. Gray hat ein Faible auch für die Filmmusik von John Williams, John Carpenter, Ennio Morricone und Hans Zimmer – sowie für den Horror-Film und seine Vertonung. Zudem ist er ein besonderer Anhänger von Reggae und Ska inklusive deren Mischungen, wofür seine Green Hand Band steht, in der er selbst den Keyboard-Part spielt. Der professionell ausgebildete und versierte Musiker singt selbst in dem von Tania Bowra geleiteten Ensemble Voices Carry: Der Name der Formation spiegelt sein eigenes Lebenscredo von der heilenden und grenzenlosen Kraft der Musik, die selbstverständlich Kunstmusik miteinbezieht.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.