Amusio Assessment Center (7)

Herz auf Empfang

Charlotte Gainsbourg: „Take Two“ EP (Caroline/Universal)

Auch ein Hyundai i30 verspricht laut Banner-Werbung „mehr Raum für Erlebnisse“. Doch steht es zu bezweifeln, dass diese letztlich als positiv – und dennoch bleibend – zu bewertenden Erfahrungen kaum das Ausmaß an Varianz bieten, wie die wesenhaft unerschöpfliche Klangmaterie, die wir hier in schöner Regelmäßigkeit verhandeln. Und das nur zu einem winzigen Bruchteil von all dem, was sich Menschen so alles einfallen lassen, um in diesem Metier eine geneigte Aufmerksamkeit zu erheischen. Oder ob sie sich nur selbst einen Gefallen tun wollen? Angesichts der nahezu barrierefreien Verfügbarkeit ihrer Werke? „Wer es weiß, bekommt nen Ball“ (Michael Schanze, „Schalt dein Herz auf Empfang“). Vielleicht auch unterm Tannenbaum.

Charlotte Gainsbourg – Take Two EP (Caroline/Universal)
Ihr einziges Gastspiel auf deutschem Boden anlässlich ihrer diesjährigen Tour – am 18. Dezember im Gloria Theater zu Köln – ist längst ausverkauft. Da erscheint die EP mit drei neuen Tracks sowie zwei Live-Aufnahmen (
Deadly Valentine, das Kanye West-Cover Runaway) als ein willkommenes Trostpflästerchen. Wie schon das Album Rest an der Seite von SebastiAn entstanden, entfaltet Charlotte Gainsbourg auf Take Two – insbesondere bei dem mit flotten Beats voran preschenden Opener Bombs Away – eine für sie tendenziell neuartige Lockerheit. Ohne die ihr eigene intime Präsenz zu verwischen, welche wiederum bei der Auskopplung Such A Remarkable Day besonders nachhaltig zum Tragen kommt.

facebook.com/charlottegainsbourg

George Leitenberger & Roddy McKinnon: „Raw Love“ (Silberblick Musik/Broken Silence)

George Leitenberger & Roddy McKinnon – Raw Love (Silberblick Musik/Broken Silence)
Ein vollmundiges Erlebnis verspricht das gemeinsame Album der deutsch-schottischen Männerfreundschaft. Trotz einer programmatisch pur gehaltenen Produktion, die zwecks Atmosphäre binnen lediglich fünf Tagen in den Ufo-Sound-Studios, Berlin, durchgezogen wurde. „Die meisten Songs auf dem Album sind first takes“, frohlockt George Leitenberger, dessen letztes Solo-Album Autovía nach wie vor nichts an Faszination eingebüßt hat. „Mit all den Rumplern und Unperfektheiten, aber mit der richtigen Magie. Roddy und ich, wir lieben das!“ Und wir auch. Besonders bemerkenswert: Der „Bonus-Track“: Wenn harte Männer weinen, – ein Song des im vergangenen Jahr verstorbenen Schauspielers Andreas Schmidt, mit dem Leitenberger einst eine WG bildete.

facebook.com/georgeleitenberger

Saint Sadrill: „Pierrefilant“ (Dur Et Deux/Inouie)

Saint Sadrill – Pierrefilant (Dur Et Deux/Inouie)
Noch schneller (in nur zwei Tagen) war Antoine Mermet alias Saint Sadrill mit den Aufnahmen zu seinem ersten Longplayer (auf Doppelalbum-Länge) unter diesem Namen durch. Tatsächlich wähnt man sich in einer Live-Situation, wenn der Franzose seinen elegant arrangierten und ausgesprochen spannungsreich inszenierten Chamber Pop mit seiner bisweilen stark an Peter Gabriel erinnernden Stimme krönend kredenzt. So baut er gerne immer wieder mal Passagen ein, die tatsächlich an das Erbe des 70er Progrock rühren (etwa schon beim über elfminütigen Opener
Waiting For Him). Diese Methode, sich gegenüber dem Korsett eines Songaufbaus zu emanzipieren, trägt vollreife Früchte. Wobei die oftmals zurückgenommen kontemplative Atmosphäre die primäre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Und den Genuss zu steigern versteht.

facebook.com/sadrill

Riah – Autumnalia (Fluttery Records)

Riah – Autumnalia (Fluttery Records)
Von dem kalifornischen Spezial-Label für Neo-Klassik, Ambient und Postrock – Fluttery – kommt wahrhaftig immer wieder nur gutes Zeug. So auch im Falle von Riah, einer fünfköpfigen Band aus Bologna, die sich dem psychedelisch unterwanderten Postrock verschrieben hat. Der Auftakt ihres Albums Autumnalia, Melancolia, weckt Assoziationen zu den gelungenen (aber nicht weiter verfolgten) Gehversuchen – im Morast schwummrig bedrohlicher Klangspektren – einer gewissen Band aus Den Haag auf ihrem 1970 erschienenen Meisterwerk namens Golden Earring. Nun denn. Fast noch erstaunlicher als der geradezu nostalgisch schwelgende Beginn ist jedoch, wie es Riah schaffen, im Laufe ihres Debütalbums die Schraube der eingängig erhabenen Melodik immer weiter anzuziehen, ohne ins Kitschige abzugleiten. Die Facetten, welche von den Emilia-Romagnesen um die Gründer Flavio Di Bella und Rocco Catturani hier aufgezogen werden, legen den Verdacht nahe, dass ihnen die Zukunft gehört. Spätestens wenn Mogwai sich nur noch der Filmmusik widmen. Oder sich God Is An Astronaut endlich freimütig zu ihrer Selbstwiederholung bekennen. Dieses Album ist ein offensiv aufgetragener Batzen aus Dynamik, Wertorientierung und Sinnentfaltung.

facebook.com/RiahBand

Rudolf Eb.er: „Om Kult: Ritual Practice Of Conscious Dying Vol. 2“ (Om Kult OM-2)

Rudolf Eb.er – Om Kult: Ritual Practice Of Conscious Dying Vol. 2 (Om Kult OM-2)
Es ist doch immer wieder erstaunlich, mit welch humoristisch fundierter Akribie Rudolf Eb.er seine morbiden Miniaturen zu kompilieren weiß. Während ähnlich veranlagte Geister ihre Soundscapes oftmals zu einem mittelmäßig Klang gewordenen Splatter-Movie ausarten lassen, bewegt sich der von Osaka aus tätige Schweiz-Österreicher souverän abseits der psychoakustischen Vereinfachung, die doch nur allzu gerne danach drängt, mit Gewalt Wirkung zu erzeugen. Den bei Rudolf Eb.er durchaus gegebenen, okkulten Überbau braucht es nicht, um zu erfahren, dass Schärfen oder Rauigkeiten auch ohne infernalischen Lärm auskommen. Um Ängste zu schüren, deren Stimulation es eigentlich nicht bedarf. So man noch ganz bei Trost ist. Anspieltipp: Psychospirituelle Knetmasse. Grauenhaft gut.

rudolfeber.bandcamp.com

Broken Ego: „Avenue To Wonderland“ (Echozone/Soulfood)

Broken Ego – Avenue To Wonderland (Echozone/Soulfood)
Sagenhaft forsch und flott präsentieren sich Chris Ego, Captain Mani, Max Cor und Jo Marchart aus Wien auf ihrem Langspieler Avenue To Wonderland. Und dies verbunden mit einer entschlossen lebensfrohen Wave-Verve. Das wäre früher, zu Zeiten der EP Love And Decay In 16 Bit“, noch undenkbar gewesen. Bekannte man sich dereinst doch als der schwarzen Gothic-Szene zugehörig. Doch das ist passé. Fast erwecken sie den (optischen) Eindruck, sich an ihren Landsleuten von Bilderbuch orientiert zu haben. Wie auch immer: Die Scheibe macht ostentativ Spaß, nimmt sich nicht allzu ernst, gewinnt so aber an einem Charme, der seine Provenienz durchaus verrät.

facebook.com/brokenegomusic

Fluru: „Where The Wild Things Grow“ (What We Call Records/Soulfood)

Fluru – Where The Wild Things Grow (What We Call Records/Soulfood)
Ganz im Gegensatz zu diesem Album, – denn das Quintett um Malin und Claes Hässlemark aus dem schwedischen Hammarstrand zockt einen lupenreinen Country-Pop, samt berückend mehrstimmigen Gesang und dezent sentimentaler Lagerfeuerromantik. Es wäre mal interessant zu erfahren, was eingefleischte Americana-Fans aus den Staaten hiervon halten. Bei einer Blindverkostung. Vermutlich würden sie aus dem Staunen nicht herauskommen, sobald sie erfahren, mit wem sie es zu tun haben. Und dann geht es für Fluru ab nach Nashville oder Austin, nicht wahr? Es sei ihnen gegönnt. Vorausgesetzt, sie vernachlässigen darüber ihr europäisches Publikum nicht. Und lassen sich auch nicht vom Kommerz verbiegen. Denn ihre stets sauber abperlende Akustik erweist sich als durchaus kompatibel für breite Hörerschichten.

facebook.com/fluruofficial

The Awakening: „Chasm“ (Intervention Arts)

The Awakening – Chasm (Intervention Arts)
Der gebürtige Südafrikaner Ashton Nyte bleibt indes seiner Nische des modern ausgestalteten Gothrock treu. Und zu seinem leidenschaftlich ausgelebten Hang zur theatralischen Überhöhung. Insofern stellt das achte Album zwar keine Überraschung dar, erfüllt aber das Soll im Übermaß. Kein Wunder, handelt es sich bei Ashton Nyte um einen begnadeten Songwriter, der keinen Bock auf schludrig formuliertes Füllmaterial hat. Bleibt zu hoffen, dass er seinem eigenen Wunschdenken Folge leistet. Und im nächsten Jahr uns mal wieder beehrt. Wer ihn 2016 auf Tour mit The Mission erleben durfte, wird The Awakening in bester Erinnerung behalten haben. Falls nicht – hier kommt die willkommene Auffrischung. Mit viel Elan, Würde und einen den gewählten Themen angemessenen Tiefgang.

facebook.com/theawakeningofficial

Shrike: „Zeitgeist Geistzeit“ (Eigenvertrieb)

Shrike – Zeitgeist Geistzeit (Eigenvertrieb)
Achtung! Es handelt sich hier nicht um die aufstrebende Grindcore/Noise-Band aus Pittsburgh. Sondern um das vierte Album der gleichnamigen Berliner Black Metal-Formation Shrike. So oder so – es bleibt recht extrem. Zumindest für ungeübte oder verständnislose Ohren. Dabei führen die (deutschen) Shrike den auf dem Vorgänger Sieben eingeschlagenen Weg konsequent fort: Low-Fi/DIY-Attitüde trifft auf mitunter gar als ausgefeilt zu bezeichnende Arrangements sowie bemerkenswert abwechslungsreiche Song-Dramaturgien mit zum Teil überaus gewagten Brüchen. Doch gerade diese Diskontinuitäten zahlen in die bemerkenswerte kompositorische Qualität ein, die Shrike inzwischen an den schwarzen Tag legen. Selbstbewusst, aggressiv – und frei von jeglichem Herdentrieb.

facebook.com/shrikeberlin

Das mit den Bällen vorhin war natürlich nicht Bestandteil der Lyrics von „Schalt dein Herz auf Empfang“. Doch ein ehemals passionierten Snooker-Spieler lässt sich doch nicht von der allwissenden Billardkugel ins Bockshorn jagen! „Schau, da wird einer ausgelacht / weil er nicht so ist wie du / Du kannst ihm zeigen / auch er gehört noch dazu“. Noch.

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