Amusio Assessment Center (8)

Alles kommt von Gott

Alina Kalancea: „The 5th Apple“ (Störung)

In seiner aktuellen Schrift God First – Die reformatorische Revolution der christlichen Denkungsart betont der in den USA lehrende Theologe Ingolf U. Dalferth den Kniff im Verhältnis zwischen Schöpfer und Schöpfung: Während etwa die Altkirchen auf ein Geben und Nehmen – oder säkularisierte Weltanschauungen auf personalisierte Indifferenz und Toleranz – setzen, macht er „unmissverständlich“ klar, dass (lt. der Reform-Revolution) schlichtweg kategorisch alles von Gott erwirkt wird, dass wir uns einzig und allein durch ihn verdanken. Und wir selbst gar nicht dazu in der Lage sind, uns „ein höheres Wesen, das wir verehren“ (H. Böll) zu konstruieren. In diesem Sinne: Lasset uns nicht danken. Sondern darauf vertrauen, dass die Schöpfergöttin uns auch weiterhin so tolle Platten einpflanzt – wie die im Folgenden kurz vorgestellten.

Alina Kalancea – The 5th Apple (Störung)
Die gebürtige Rumänin Alina Kalancea kreiert auf ihrem Debütalbum eine beeindruckende Aura aus Kontemplation, Kontamination, schleichender Bedrohung und wohligem Entsetzen. Mit dafür verantwortlich ist der von ihr selbst immersiv vorgetragene Spoken Word-Anteil, dessen anfängliche Dominanz jedoch im weiteren Verlauf immer mehr in den Hintergrund tritt. So als verstumme sie selbst – aus Respekt vor den behutsam, aber voluminös texturierten Soundscapes, von denen insbesondere die schichtweise modulierten Streicher-Passagen offenbar dazu auserkoren wurden, in die finstersten Ecken des Bewusstsein zu locken, – um sie anschließend mutig auszuleuchten. So geht Aufklärung heute. Ferner flößt das durchweg getragene Tempo der Ereignisse Ehrfurcht ein. Mit der Betonung auf Furcht!

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Sonorus7: „Acid Pops“ (Danse Macabre/Alive)

Sonorus7 – Acid Pops (Danse Macabre/Alive)
Bereits 2017 konnten Liss Eulenherz, Clodi und Daniel Korzin als damals noch „labelloses“ Projekt Sonorus7 den „Battle Of The Bands“-Newcomer-Contest des Sonic Secucer Magazins für sich entscheiden. Seitdem wurden die Erwartungen, welche mit ihrem Debütalbum einhergegangen sind, entsprechend hoch geschürt. Doch dem Druck ward standgehalten, entfalten die Leipziger auf Acid Pops doch eine auf Anhieb schlagkräftige Tonart, die mitunter Glauben macht, es hätten sich selige Heavenly Voices-Zeiten mit den heutigen Standards des mal mehr, mal weniger dezent verdunkelten Synthpop vermählt. Natürlich sind hierfür zunächst einmal die beiden weiblichen Stimmen zur Rechenschaft zu ziehen. Doch auch die mit ordentlich Zunder versehenen Arrangements lassen Assoziationen zu, die zu den Erstausläufern der neunziger Jahre (mit Genre-Labels wie Hyperion und Bands wie Chandeen) geleiten. Doch nostalgisch verbrämt erscheint hier nichts. Zumal gleich fünf zackige Remixe – von Szenegrößen wie Eisfabrik, ES23 oder Rroyce – die hohe Qualität des Original-Songmaterials mehr als nur augenscheinlich untermauern. Einwandfrei!

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Belp: „Crocodile“ (Jahmoni/SVS Records)

Belp – Crocodile (Jahmoni/SVS Records)
Dem in München geborenen, auf den Seychellen aufgewachsenen und am Piano ausgebildeten Sebastian Schitzenbaumer scheint es als Belp sehr zu gefallen, auf der Basis von sowohl westafrikanischen als auch paneuropäischen Einflüssen, dutzende Extreme musikalischen Ausdrucks „humorlos“ aufeinanderprallen zu lassen. Da folgen – ohne Vorwarnung – kaputte Beats auf idyllische Drones, scheinbar konturloser Glitch auf catchy Intermezzi. Und doch entbehrt dieser eigentümliche Gemischtwarenladen nicht einer inneren Logik, die allein Belp selbst nachzuvollziehen zusteht. Denn noch entschiedener als auf dem Vorgänger Elephants werden die einzelnen Komponenten mit einer Klarheit versehen, die durchaus Intentionen erahnen lässt: So etwa der Kontrast zwischen paradiesisch verklärter Natur und katastrophal geeichter Zivilisation. Aber auch ohne inhaltlichen Überbau bietet Crocodile mehr als genügend Stoff zur geistigen Erbauung. Es lebe die Ambiguität!

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Stephanie Pan: „Have Robot Dog, Will Travel“ (Arteksounds)

Stephanie Pan – Have Robot Dog, Will Travel (Arteksounds)
Auch nicht gerade leicht macht es einem die experimentelle Performance/Improv-Künstlerin Stephanie Pan auf ihrem ausgesprochen hübsch betitelten Album. Was sie auf ihm so alles verbrät, kann im Sinne der Variabilität sogar mit Belp in Konkurrenz treten. Jedoch verdichtet sie die schiere Quantität der zur Anwendung kommenden Klangsprachen und lässt – ähnlich wie Alina Kalancea – gerne auch mal Ruhe walten. Einem Innehalten, dem allerdings kaum zu trauen ist. Denn dafür agiert sie viel zu verspielt, und das nicht allein aufgrund ihrer Stimm-Akrobatik oder dem Einsatz von Kinder-Instrumenten. Ihre Kunst besteht auf Have Robot Dog, Will Travel darin, aus dem Vagen und Zarten eine Intensität abzuleiten, deren Wirkung quasi spiralförmig zutage tritt. Und aus einer vollkommen unvoreingenommenen Haltung gegenüber ihrem eigenen Schaffen, das hier teils obskure, teils betörende Blüten treibt. Kühn – und fernab jeglicher Genres!

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