Amusio Assessment Center (8)

Alles kommt von Gott

Building Instrument: „Mangelen Min“ (Hubro)

Building Instrument – Mangelen Min (Hubro)
Entgegen dem Titel, der sich mit „mein Mangel“ übersetzen lässt, bietet auch das dritte Album des Trios aus dem norwegischen Bergen Stimulanz in Hülle und Fülle. So man sich auf dem Papier auch der Improvisationsmusik verschrieben hat, führt diese Selbstbezeichnung in die Irre. Denn Mangelen Min wirkt stets organisch durchdacht. Und trotz der Vielschichtigkeit der Sounds sowie der Vielfalt der zitierten Stile (von Barock bis Balkan) äußerst zugänglich. So zugänglich, dass man fast geneigt ist, Building Instrument als herausragende Vertreter einer Art Dreampop 2.0 zu etikettieren. Denn seltsam bis sattsam verträumt muten die zwölf Tracks des Albums allesamt an. Wiewohl sie so derart fein miteinander verwoben sind, dass sogar der Eindruck eines einzigen Longtracks entstehen mag. Da die einzelnen Songstrukturen wiederholt gebrochen werden, empfiehlt sich die Vereinnahmung von Mangelen Min an einem Stück. Und unter den besten Voraussetzungen, zumal hier der vermeintliche Widerspruch von Live Recording und Sound Processing in gar traumhaft sicherer Weise aufgelöst wird. Dream on!

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Cæcilie Overgaard: „There Is A Home“ (Clang)

Cæcilie Overgaard – There Is A Home (Clang)
Von Norwegen nach Dänemark, von wo aus die elektroakustisch versierte 29-jährige Cæcilie Overgaard ihr zweites Album in die Welt entlässt. Von nordischer Tristesse fundiert und mit reichlich wärmenden Wohlklang verfeinert, lädt There Is A Home nicht nur dazu ein, die Gedanken in einen Zustand der Entspannung treiben zu lassen. Sondern auch dazu, der Schöpferin auf die Schliche zu kommen, welche Alltagsgegenstände sie zu erlesenen Klangquellen umfunktioniert. Die Plastiktüte auf der Snare ist da noch am leichtesten zu identifizieren. Und wenn sich zu dem Ganzen noch eine echte, von Tim Ewé beigetragene, Trompete gesellt, scheint die Heimat des Seelenheils zum Greifen nah. Dass der Titeltrack den Eindruck erweckt, eine Paraphrase von Pink Floyds Welcome To The Machine zu sein, tut diesem Eindruck – der sich umgehend in einen Zustand zu verwandelt vermag – keinen Abbruch. Mit There Is A Home trägt Cæcilie Overgaard dazu bei, die ästhetische Kategorie des Schönen zu rehabilitieren. Man gönnt sich ja sonst nichts.

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Morgue Poetry: „In The Absence Of Light“ (Danse Macabre/Alive)

Morgue Poetry – In The Absence Of Light (Danse Macabre/Alive)
Hinter Morgue Poetry verbirgt sich – mehr schlecht als recht – Konstantin Michaely, der im vergangenen Jahr an der Seite von Nikolas Eckstein mit Wisborg zu den Senkrechtstartern im Metier des Dark Wave / Goth Rock / Post-Punk zählte. Sein Nebenprojekt Morgue Poetry hat er hingegen gänzlich mit seinen eigenen Fäusten gestemmt (allein Mix und Mastering gehen auf das Konto von Achim Dreßler, der auch das Wisborg-Debütalbum The Tragedy Of Seconds Gone in dieser Doppelfunktion betreute). Aber das genügt, um aus In The Absence Of Light ein vollwertiges Vergnügen zu machen. Ein Mann und seine Gitarre, – und vor allem seine Stimme, die ein immenses Talent für dramatische Phrasierungen ihr eigen nennt. Nun gut, ein paar dezent eingesetzte Synths und Drumloops sind auch zu vernehmen, aber auch die wurden vom Alleinherrscher höchstpersönlich eingeflochten. Zwei Referenzen genügen, um mehr als nur zu erahnen, was er als Morgue Poetry im Schilde führt: King Dude, Spiritual Front. Folk Noir, genau. Und auf diesem höchst sensiblen Parkett macht Konstantin Michaely auf Anhieb eine hervorragende Figur. Dabei erinnert er, mehr noch als an die Genannten, an Adam Darski (Behemoth) mit seinem Projekt Me And That Man. Nichtsdestotrotz erlangt Konstantin Michaely allein durch seine gesangliche Prägnanz im Handumdrehen Eigenständigkeit und Wiedererkennungswert. Allein könnte man ihm den Vorwurf machen, dass seine Kompositionen noch zu sehr wie aus einem Guss daherkommen. Jedoch gilt dies in Folk Noir-Kreisen ja durchaus als Qualitätsmerkmal. Also wird die Klage abgewiesen. Und In The Absence Of Light wärmstens empfohlen.

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Sebastian Krämer und das Metropolis Orchester Berlin: „Vergnügte Elegien“ (Reptiphon/Broken Silence)

Sebastian Krämer und das Metropolis Orchester Berlin – Vergnügte Elegien (Reptiphon/Broken Silence)
Auf zwei CDs / LPs – in vorbildlich liebevoll gestalteter Aufmachung – erweist sich Sebastian Krämer erneut als Monolith in der deutschsprachigen Musiklandschaft. Die Versuche, sein Schaffen zu kennzeichnen, zeiht er eigenmächtig der Vergeblichkeit (Schickiwiki). Das Zusammenspiel mit dem Metropolis Orchester Berlin (live aufgezeichnet, auf dem jeweils zweiten Tonträger kompiliert) zeitigt zudem eine zuvor (als Mann am Klavier) noch nicht gänzlich ausgereizte Präzision der Zwiesprache von Spontaneität und Witz. Doch das vergnügt Flotte (Da fehlt noch Salz am Honigkuchenpferd) steht Sebatian Krämer nur halb so gut wie seine elegischen Betrachtungen (Patricks Zimmer). Und wenn er es wagt, wie mit Chanson d’Aventure, Lyrics zu Lyrik zu erheben, scheint er tatsächlich eine weitere Stufe seiner Ausdrucksmöglichkeiten erlangt zu haben. Man mag ihm zwar hier und da den Vorwurf der Selbstgerechtigkeit, ja der Arroganz angedeihen lassen. Aber wer so dermaßen originell, eloquent und pointenreich agiert, darf sich nicht nur den ein oder anderen Seitenhieb auf die akute Unkultur der Kultur erlauben. Nein, er muss dies tun! Um seiner moralischen Verpflichtung (nicht nur sich selbst gegenüber) gerecht zu werden. Er ist – und wird es wohl (leider) noch eine lange Weile bleiben – einer „unserer“ Besten.

sebastiankraemer.de

„Es ist besser, meine Tochter, dass du [dich] mit seinen jungen Frauen ausziehst, damit man dich auf einem anderen Feld nicht belästigt.“ (Ruth 2:22, Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift)

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