Töne aus den Staaten: Indiana, New York, Kalifornien, Massachusetts

Einfach fagöttlich

Noch mit dem Kammermusikarrangement der Carmen-Suite von Georges Bizet in den Gehörgängen erinnert sich der Hörer dankbar an den einzigartigen Ton des Fagotts über dem Klavier: klagend, gleichzeitig brummend, ironisch schräg, auch mal der Klezmer-Klarinette ähnlich und klanglich einige Nuancen klarer und geschliffener als die meisten Holzbläserverwandten im Orchester. Längst hat das unnachahmliche Instrument auch über dem Atlantik, in den Vereinigten Staaten, seinen Siegeszug angetreten – und hiermit sind nicht nur zwei Klassiker aus den frühen 1950er Jahren für kleine Besetzung wie Willson Osbornes Rhapsody for Bassoon oder die Fagottsonate des Oboisten Alvin Etler gemeint …

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Michael Gandolfi, 1997 Mitverantwortlicher für das Tanglewood Festival und heute ansässig im US-Bundesstaat Massachusetts, schrieb vor 10 Jahren sein „avantgardistisches“ Fagottkonzert (www.michaelgandolfi.com, CC-Liz.).

Unter den jüngeren Beiträgen zur Gattung Fagottkonzert sind diejenigen des in und um San Francisco wirkenden Mark Alburger, nämlich sein Concerto von 2004 und das Triple Concerto für Fagott, Kontrafagott und Harfe aus dem Jahr 2012 hervorzuheben. 2006 schrieb der Fusion-Musiker David Chesky ein vom Jazz beeinflusstes Fagottkonzert, Dirigent und Pianist Jeff Manookian lieferte 2008 einen Beitrag, der am New England Conservatory of Music unterrichtende Michael Gandolfi folgte 2009 mit einem ganz und gar zeitgenössisch avancierten Konzert.

2013 komponierte die derzeit am New Yorker Bard College lehrende Konzertpianistin und Grammy-Preisträgerin Joan Tower Red Maple für Fagott und Streicher, das von dem Fagottisten Peter Kolkay zusammen mit dem Philharmonischen Orchester von South Carolina uraufgeführt wurde. An dieser Stelle ist auch das famose, 1992 entstandene Fagottkonzert der Amerikanerin Ellen Taaffe Zwilich zu nennen, der ersten Frau, die mit dem Pulitzer-Preis in Musik ausgezeichnet wurde.

„Konzertprobe – Fagottist“ nennt sich dieses 1928 entstandene Ölgemälde von Louis Christian Hess (www.dorotheum.com, p.d.).

Richard Svoboda, Solofagottist des Boston Symphony Orchestra, spielte im November 2013 anlässlich der Uraufführung von Marc Neikrugs nur knapp zwanzigminütigem Fagottkonzert; am Pult stand damals Rafael Frühbeck der Burgos. Die Kritik attestierte dem Komponisten, dass er hier besonders die rhetorischen und dialogischen Qualitäten des Instruments zur Geltung brachte. Die Kontrastwirkung mit dem Orchester schafft interessante Zwiegespräche, auch wenn die Fagottstimme, dauerhaft präsent, dominiert.

Aus der Werkstatt Rudall Carte & Co.: Fagott mit französischem System (Auckland Museum, NZ, CC-Liz.)

 

 

 

 

Der aus Amsterdam stammende Pianist, Schlagzeuger und Komponist Chiel Meijering schrieb als Professor an der Indiana University zwischen 2016 und 2018 unglaubliche 117 (!) Konzerte für Fagott mit Orchester oder Kammerorchester. Bei den jeweils nur einsätzigen Paradestücken wurde eine ganz individuelle, singuläre Mischung aus Elementen von Funk, Jazz, Folk, „keltisch“-schottischen Melodien, Avantgarde und traditioneller Kunstmusik umgesetzt. Die neueren Konzerte des „Zyklus“ lassen eine dichtere und komplexere Struktur erkennen. Eine Ehrung Elvis Presleys, des „King of Rock’n’Roll“, versuchte Michael Daugherty mit Develvis for Solo Bassoon and Chamber Ensemble. Die Uraufführung mit den Grand Tetons Chamber Players dirigierte der Komponist selbst, den Solopart übernahm Charles Ullery.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.