Amusio Assessment Center (9)

Überwindung zwecks Erkenntnis

Bonnie Li: „Wô Man“ (Icons Creating Evil Art/Broken Silence)

Wer kennt das nicht? Da entdeckt man nichtsahnend eine Band [einen Sänger, eine Songwriterin…], die vielleicht schon etliche Alben veröffentlicht hat, freundet sich mit ihr an – und ist plötzlich komplett von ihr eingenommen. Kann, will und möchte nichts anderes mehr vernehmen. Und kommt beim Scrollen über private Playlists nicht umhin, bei eben dieser einen Formation schon wieder den – im Moment des Hier und Jetzt – alles entscheidenden Tipp abzugeben. Angesichts derartiger Umstände erweist sich diese AAC-Folge als Dokument einer erst vor kurzem erfolgreich abgeschlossenen Selbstüberwindung, im Zuge einer Rosskur wider die Habitualisierung. Anerkennung erbeten.

Bonnie Li – Wô Man (Icons Creating Evil Art/Broken Silence)
Die in China aufgewachsene und inzwischen zu Berlin residierende Französin Bonnie Li legt an der Seite ihres Kompagnons Elia M. ein Debütalbum vor, auf dem sie sich geschmeidig von jenen TripHop-Wurzeln emanzipiert, die ihr angesichts der im Herbst 2007 erschienenen EP Plane Crash nicht zu Unrecht zugeschrieben wurden. Indem sie nun ihr musikalisches Spektrum auf zahlreiche Spielarten des elektrifizierten Dunkel-Pop ausweitet, gewinnt nicht zuletzt ihr stimmliches Vermögen an Ausdruck und Strahlkraft. In Kombination mit transparent gehaltenen Songstrukturen, die Rückschlüsse auf die jeweils zugrundeliegenden Skizzen zulassen, entspannt sich ein Album, dessen Einzelteile eine prickelnd betörende Dramaturgie heraufbeschwören. Elemente, die immer wieder aus dem an sich doch recht wohlig ausgestatteten Klangszenarien hochschrecken lassen. So elegant Bonnie Li ihre Haken und Ösen auch einzukleiden vermag: Zum reinen Zuckerschlecken verkommt Wô Man selbst beim besten Willen nicht. Zwar mildert sie die durchgängig enthaltenen Bitterstoffe ab, doch kaschiert sie dabei ihre Anliegen und Emotionen allenfalls unzureichend. Starker Tobak auf Samtpfoten.

facebook.com/bonnieliproject

Swervedriver: „Future Ruins“ (Rock Action/[PIAS]/Rough Trade)

Swervedriver – Future Ruins (Rock Action/[PIAS]/Rough Trade)
Als die Oxforder Altmeister des „Space Travel Rock’n’Roll“ 2015 – nach 17 Jahren der Enthaltsamkeit – mit I Wasn’t Born To Lose You ihr fünftes Album auf den Markt hievten, verebbte die Freude doch einigermaßen rasch. Fürwahr keine schlechte Scheibe, doch ließ sie etwas an jenem Punch – jenem Hang zur abgedrehten Ausschweifung – vermissen, dem Swervedriver ihren Ruf als einer herausragenden Rockband der neunziger Jahre verdanken. Offenbar haben dies die Hauptverantwortlichen – Adam Franklin und Jim Hartridge – im Nachhinein ähnlich empfunden. Und liefern nun mit Future Remains ein Album nach, das sich keinerlei Schwächen erlaubt. Sondern direkt bei Meisterwerken wie Mezcal Head oder 99th Dream anknüpft. Scheppert, rumpelt, kontrolliert durchdreht – und jeglicher Bodenhaftung mit sofortiger Wirkung eine Abfuhr erteilt. Stets knapp unterhalb der Lärmgrenze operierend, werden einschlägige Gravitationsgesetze simultan seziert und außer Kraft gesetzt. Zugegeben, das ginge auch als Schnittmenge aus The Church und The Jesus And Mary Chain durch. Aber derlei Behelf bleibt ebenso verzichtbar wie Swervedriver unverkennbar: Eine famose Band, die – bei sich selbst längst wieder angekommen – weiterhin „völlig losgelöst“ durch Raum und Zeit vagabundiert. Bitte einsteigen. Auf eigene Gefahr. Ab 22. Februar (Köln, Kantine) auf D-Tour.

facebook.com/swervedriverofficial

Guster: „Look Alive“ (Nettwerk/Warner)

Guster – Look Alive (Nettwerk/Warner)
Exakt vier Jahre nach der Glückshormonzucht von Evermotion beehrt uns die dienstälteste College-Rockband des Erdkreises mit ihrem insgesamt achten Album. An dem sofort der großzügig bemessene Einsatz von Synths und ähnlichem Spielzeug auffällt. So etwa die schamlose Autotune-Attacke beim – in begeisternder Weise – über die bekannten Guster-Stränge schlagenden Hard Times. Aber keine Sorge: Trotz dieser Ausweitung des instrumentellen Fuhrparks bleibt der Fortbestand sanguinischer Launen ungefährdet. Jegliches Zähneknirschen zwischen den Zeilen wird souverän als adoleszente Teilzeitnot bagatellisiert – ohne hierzu irgendwelche (musikalisch verbrämte) Kalauer bemühen zu müssen. Indem der mehr oder weniger entschieden vollzogene Refresh des Klangbilds die tradierten Guster-Qualitäten kaum tangiert, erhält sich die Band ihren juvenilen Elan, ohne dabei Gefahr zu laufen, zur Karikatur zu erstarren. Look Alive als „kluger Schachzug“? Das ginge wahrscheinlich doch zu weit. Denn allzu viel Kalkül möchte man diesem betont auf dem Rücken der eigenen Kappe agierenden Freundeskreis nach wie vor nicht zutrauen. Doch selbst diese Unschuldsvermutung tut nicht Not. Um anzuerkennen, dass es der Bostoner Indie-Institution mit Look Alive erneut vollumfänglich gelingt, den charakteristischen Vibe der unterm Strich doch nur halb so schlimmen Lebenskrisen lukullisch zu verfeinern. Pop! Goes The DBrain.

facebook.com/guster

Júníus Meyvant: „Across The Borders“ (Record Records/Broken Silence)

Júníus Meyvant – Across The Borders (Record Records/Broken Silence)
Ein Album, wie geschaffen für eine Blindverkostung mit höchstem Überraschungsfaktor: Hitzig brütende Soul-Variablen, mit reichlich Einsatz von Blasebrass und Saitenleibern schön flutschig geschmiert, schmiegen sich mit zeitgemäß anmutendem, dezent distanziertem Folk-Verstand an kraftvolles Liedgut. Das zudem noch von einer wärmend würzigen Stimme gekrönt wird, die das Zeug dazu hat, auch ohne die verschwenderische Einfassung in ihren Bann zu schlagen. Wenn dann die Hülle fällt (bzw. herumgereicht wird) dürfte rückhaltlose Verblüffung die Runde machen. Denn Unnar Gísli Sigurmundsson alias Júníus Meyvant sieht nicht nur so aus wie ein nordischer Alb, er stammt sogar aus Island, von den vorgelagerten Westmännerinseln. Und zündet von dort aus seinen wuchtigen Soul-Folk, wie auf seinem Debüt Floating Harmonies, so auch auf dem am Freitag erscheinenden Sukzessor Across The Borders. Nur eben noch das ein oder andere Quäntchen zielführender als zuvor. Bleibt nur die Frage, wie er diesen fulminant inszenierten Sound anlässlich der anstehenden Tour (21.02. Hamburg, Nochtspeicher, 22.02. Köln, Arttheater, 08.03. Berlin, Bi Nuu) auf die Bretter zu zwingen gedenkt. Denkwürdige Abende allemal, was angesichts des ungeheuren Schmiss von Across The Borders indes kaum verwundern dürfte.

facebook.com/juniusmeyvantmusic

Rustin Man: „Drift Code“ (Domino/GoodToGo)

Rustin Man – Drift Code (Domino/GoodToGo)
Am 1. Februar erscheint mit Drift Code das erste Album von Rustin Man (ehemals Paul Webb, dem Bassisten von Talk Talk) seit nunmehr 16 Jahren. Oder korrekter: das erste Solo-Album unter dem einst angenommenen Künstlernamen überhaupt. Denn 2002 handelte es sich bei Out Of Season um eine – vollkommen zurecht – in höchsten Tönen gelobte Kollaboration mit Beth Gibbons (Portishead). Wer nun denkt, Rustin Man würde an diesem Meisterwerk anknüpfen wollen, sieht sich rasch getäuscht. Denn anstatt einen streng definierten (und überwiegend melancholisch düsteren) Soundkanon auszureizen, besticht Drift Code mit einer immensen Variablilität des klanglichen Settings, diverse nostalgisch anmutende Stimmungsschwankungen inklusive. Darüber hinaus geriert sich Rustin Man als Geschichtenerzähler mit verteilten Rollen, – eine Leidenschaft, die mitunter das musikalische Fundament doch ziemlich strapaziert. Wer sich also nicht auf die textliche Ebene begeben will oder kann, dürfte sich in dieser Hinsicht etwas mehr Zurückhaltung gewünscht haben. Davon abgesehen, entfaltet das Album eine Fülle von unwahrscheinlichen Szenarien, die des Hörers Einbildungskraft herausfordern. Eine zeitlose Qualität, die letztlich doch wieder den Bogen zu den Anfängen, zu Talk Talk schlägt. Drift Code erweist sich als ein sympathetisch wirksames, da hoch artifizielles Patchwork, in dessen Grenzbereichen das Diffuse auf seltsame Weise wieder an Prägnanz gewinnt. Akustisches Slowfood für einfühlsame, alert findige Gemüter und Genießer.

facebook.com/RustinManOfficial

Andy Burrows & Matt Haig: „Reasons To Stay Alive“ (Caroline/Universal)

Andy Burrows & Matt Haig – Reasons To Stay Alive (Caroline/Universal)
Ebenfalls am 1. Februar geht mit Reasons To Stay Alive ein nicht minder außergewöhnliches Album an den Start. Es handelt sich um die Kooperation des Ex-Razorlight „DrummerSongwriter“ Andy Burrows mit dem international renommierten Autor Matt Haig, der auch hierzulande anhand seiner Romane Ich und die Menschen oder Wie man die Zeit anhält Eingang in die Bestsellerlisten fand. Sein Pamphlet wider die Depression – Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben – diente also als Grundlage für ein hochfrequentes File-Pingpong. Mit einem Album im Ergebnis, bei dem das Für und Wider der Existenz – in der Reflexion eines originär letztlich doch eher zuversichtlichen Gemüts – in optimistisch abstrahlender Affirmation kulminiert. So werden die durchaus noch hörbar vorhandenen Zweifel an der Statthaftigkeit der guten Vibes kurzerhand in einen Überschwang geleitet, der in seinen gänzlich entfesselten Passagen allein noch den Vergleich mit Queen (!) gestattet. Alternativ formuliert: Trotz der zugrundeliegenden Nachdenklichkeit wird hier sicherlich nicht gekleckert: Adult Oriented Listening mit reichlich Britpop-Flair im Anschlag, Pomp & Circumstances mit Schmunzeln im Visier und Tränen im Knopfloch. Und mit Dom Howard (Muse) und Keith Murray (We Are Scientists) illustre Gäste im Tross. Ein Album, mit dem es sich gut und gerne leben lässt.

facebook.com/andywburrows

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