Von einem (zu) wenig beachteten Klassiknachbarn

Überraschungsei der Hörerlebnisse

Die Schweiz versetzt einen, schaltet man eidgenössische Radiosender ein, angesichts der ungeahnten Fülle von Symphonien und Kammermusik in Staunen, noch mehr, dass man anders als von allseits medial präsenten Klangkörpern wie dem Orchestre de la Suisse Romande von den Namen der TonschöpferInnen bisher wenig gehört oder gelesen hat. Berücksichtigt man das nicht nur im 18. Jahrhundert (allerdings besonders in dieser Zeit) zwischen Basel und Lugano blühende Konzert- und Musikakademiewesen, fragt man sich, warum die Rezeption der Schweizer Tonkünste in den Nachbarländern so schleppend verlief.

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Der Schweizer Komponist Ernest Bloch (nicht zu verwechseln mit dem Philosophen Ernst Bloch), hier im Kreis der Familie, lebte und arbeitete später erfolgreich in den USA (um 1917, US p.d.)

Dabei verfügt das Land über einen hohen Kulturetat, der Aufführungen klassischer Werke und die Entwicklung großer Talente an den Musikhochschulen sehr begünstigt; mit diesem rangiert die Schweiz auch in Europa ganz oben auf der Skala. Manche(r) kennt wohl das in der Schweiz entstandene Klavierkonzert in B-Dur op. 18 von Hermann Goetz aus dem Jahr 1867 und die Namen des Spätromantikers Hans Huber sowie eines 2017 verstorbenen Pioniers serieller wie mikrotonaler Musik, Klaus Huber, der vornehmlich geistliche Musik komponierte dürften auch einigen vertraut sein. Aufs internationale Parkett schafften es früh Arthur Honegger mit den Oratorien Le Roi David und Jeanne d’Arc au bûcher und der außerdem als Geiger und Kunstfotograf wirkende Wahlamerikaner Ernest Bloch, etwa mit seinem frühen Concerto grosso für Streicher und obligates Klavier (1925) oder einem späteren Posaunenkonzert (1954).

Vom Gymnasiallehrer bis zum Direktor des Konservatoriums brachte es der Komponist René Gerber zwischen 1935 und 1947 in Neuchâtel am See (Nicolas Bouillon. CC-Liz., o.J.).

Auf mitteleuropäischen Frequenzen selten zu hören ist dagegen das Werk René Gerbers (1908 – 2006), dabei stehen gerade dessen symphonische Partituren, wenn man ihre komplexe melodische Verarbeitungstechnik und harmonische Dichte studiert, gleichzeitig mit deutlich weitgespannterem Erfolg aufgeführten US-amerikanischen Orchesterstücken in nichts nach. Zudem wies der Schweizer Instrumenten eine Hauptrolle in solistischen Konzerten zu, die sonst nur eine – wenn auch manchmal mit eigener Partie versehene – Stimme unter anderen im Orchester darstellen.

Neben der symphonischen Dichtung ‚Le Moulin de la Galette‘ sind auf dieser nicht nur ihrem seltenen Repertoire nach bemerkenswerten CD das Englischhorn-Konzert und das 2. Harfenkonzert von René Geber versammelt (ASIN: B00004SO45, Gallo 1996).

So schrieb Gerber, einst Schüler von Paul Dukas und Nadia Boulanger, ein auf seine Weise spätromantisch-impressionistisches, jedoch die Musik verschiedener Epochen abbildendes Konzert für Englischhorn und Orchester im Jahr 1976. Die Sätze Allegro molto, Moderato, un poco nostalgico und Presto sind in ihrem Charakter grundverschieden, manchmal heiter und tänzerisch beschwingt, manchmal verspielt und elegisch atmen sie (selbst im Winter präsentiert!) Frühlingsluft. In der Solokadenz des dritten Satzes klingt eine vertraute Melodie Debussys an. René Gerbers Harfenkonzert Nr. 2 bietet ebenso wie letzteres eine höchst bemerkenswerte Aufnahme mit dem Dirigenten Théo Loosli, der auf der CD sowohl als Leiter der Berner Sinfonietta als auch des Orchestre Symphonique Neuchâtel zu hören ist. Mit großem Einfühlungsvermögen spielt die aus den USA stammende Peggy Wey-Ervin den Solopart am Englischhorn, denjenigen im Harfenkonzert Line Gaudard.

SME: Präsenz der Schweizer Klassikszenen

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.