Forschungsbeiträge zur musikalischen Logik

Sichtbare Referenzen – unhörbare Zusammenhänge?

Seit im Rahmen der Digital Humanities auch an die Musikwissenschaft die Frage nach der Kontextualisierung mimetischer Elemente, Formeln, Sequenzierungen, Varianten und Metamorphosen innerhalb eines „geschlossenen“ Werks oder Zyklus gestellt wird, sind konzise Analysen von Zusammenhängen möglich selbst und gerade dann möglich, wenn der akustische Sinn dabei ausgeschaltet wird und eine Maschine „taub“, aber äußerst präzise für uns eine Partitur ausliest.

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Für das Auge sind die Referenzen offensichtlich: Blätter aus einem alten Musikmanuskript eines tibetischen buddhistischen Klosters (Wellcome L0032693, 2018, CC-Liz.)

Aufmerksam(st)es Zuhören alleine ist trügerisch, da das Kurzzeitgedächtnis kaum in der Lage ist, genaue Daten kumulativ zu speichern und nach dem zeitbedingten Verklingen in Beziehung zu setzen – es sei denn, es handle sich um eine sehr einfache oder computergenerierte Musterkomposition, die jegliche individuelle Arbeit am Motiv oder sei es an der Ausgangsidee ausschließt.

Der von Patrick Boenke und Birger Petersen herausgegebene Sammelband sucht sowohl die musiktheoretischen Hintergründe für Einsichten in musikalische Referenzen als auch Analysen des 19. Jahrhunderts zu bündeln und einen Überblick zu vermitteln (ISBN 13: 978-348715135-9, Hildesheim 2014).

 

Die vierzehn Beiträge des Sammelbands Musikalische Logik und musikalischer Zusammenhang beschäftigen sich überwiegend mit Werken des 19. Jahrhunderts. Neben Versuchen, die Begriffe ›Logik‹ und ›Zusammenhang‹ in den für die Musiktheorie des „bürgerlichen Zeitalters“ relevanten Bereichen auszuleuchten, werden insbesondere auch Fragen ihrer Wechselbeziehung zur zeitgenössischen Ästhetik aufgeworfen: Welche Perspektiven spiegeln sich im Entwurf oder in der Weiterentwicklung von theoretischen Begriffssystemen wider? Und vice versa: In welchem Fall dient Musiktheorie als Fundament einer ästhetischen Position? Die zeitliche Bindung an die Zeit zwischen Field und Reger ist insofern locker, als dass Rückblicke in die Musiktheorie des ausgehenden 18. Jahrhunderts gleichermaßen präsent sind wie Vorgriffe in das frühe 20.

Nahezu mikroskopisch exakt ging Lukas Haselböck den Zusammenhängen im Werk Max Regers nach, der selbst für die äußerst akribische Ausarbeitung seiner Partituren im Hinblick auf die Aufführung bekannt war (ISBN 13 978-3923053919, 2001).

Detaillierte Betrachtungen zur motivischen Kohärenz im Werk Max Regers lieferte bereits 2001 Lukas Haselböck mit Analytische Untersuchungen zur motivischen Logik bei Max Reger. Auch ein Aufsatz von Bernhard Haas zur Eigenart musikalischer Analyse im 19. Jahrhundert in einem philosophiehistorischen Sammelband zum Begriff der freien Kunst bei Hegel, kurz danach herausgegeben von Bruno Haas im Berliner Verlag Duncker & Humblot (ISBN-13: 978-3428110216), bietet Einblicke in ein ergiebiges Forschungsfeld mit immer noch zahlreichen Unbekannten und Desideraten. 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.