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Akte Genesungsheim

BLCKWVS: “ 0160″ (This Charming Man Records/Cargo)

Den Dreh gibt es am Kiosk, die Erkenntnis – anhand dort erstandener Kamellen: Sich als bereits von gestern und somit als friedlich still entschlafen und fortan schweigend zu wähnen, schärft den Instinkt für jene Haltlosigkeit, die Seriosität in sämtlichen Lebenslagen erzwingt. Mit der nötigen Appetenz wächst auch wieder der Hunger. Ein Hunger, der sich anhand der folgenden Empfehlungen – eingestandenermaßen – nur notdürftig stillen lässt. Aber immerhin.

BLCKWVS – 0160 (This Charming Man Records/Cargo)
Schon die Darreichungsform lässt gehörig aufhorchen, bietet das Ost-Münsterländer Sludgedoom-Quartett (nach mehrjähriger Longplayer-Entsagung) sein neues Album doch gleich in zweifacher Form zur gediegenen Verkostung an. Mit – und ohne Gesang. Das ergibt Sinn, zumal die Gesangsparts von Gastsängern übernommen wurden, die den Tracks jeweils ihren eigenen Stempel aufdrücken: Einen nachhaltigen Eintrag ins BLCKWVS-Gästebuch hinterließen so etwa Marc Greve (Morgoth), Sarah (Black Vulpine), Lupus von Kadavar oder gar – an sich weit entfernt vom metallischen Kosmos unterwegs – Milo Milone von Rhonda. Muss demnach die Selbstverständlichkeit betont werden, dass das Material von 0160 auch in seiner stimmlosen Form vollumfängliche Wirkung erzeugt? Die hehre Kunst des Anblasens und Ablassens, mitreißend melodisch unterfüttert und dennoch denkbar widerspenstig wattiert, hinterlässt Spuren in Gemüt und Gunst. Internationale Klasse, mindestens.

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Chain Wallet: „No Ritual“(Jansen Records/Membran)

Chain Wallet – No Ritual (Jansen Records/Membran)
Deutlich fluffiger als das Debütalbum des Trios aus Bergen, Norwegen geriert sich sein Nachfolger. Und transferiert somit scheinbar mühelos das elegante Flair des (New) Wave der Achtziger (inklusive einiger Referenzen an damalige Überbands wie The Prefab Sprout) in die dezente Vernebelungstaktik zeitgenössischen Dream Pop. Da ist man geneigt, sich sofort aus dem Haus zu stürzen. Und den nächstgelegen Strand – mit weit ausgebreiteten Armen – zu entern. Wenn auch nur in Gedanken. An einen lichtdurchfluteten Abend, der noch lange vorhält. Fast drohen Chain Wallet ihr Spiel anhand ihrer glückstrunkenen Emphase zu übertreiben. Doch da No Ritual unverwundene Wehmut zur ständigen Begleiterin exemplifiziert, bleibt eine Realitätsnähe gewahrt, die relativiert, ohne das auratische Aufatmen zu unterminieren, von dessen Vollzug dieses Album lebt. In Saus und Braus.

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Death Will Tremble To Take Us: „s/t“ (Fluttery Records)

Death Will Tremble To Take Us – s/t (Fluttery Records)
Und weiter geht die Schwelgerei: James Randolph Fouty aus Portland, Oregon hat bislang vornehmlich als Sleeping Horses die ambient orientierte Seite des Postrock bereichert. Im Rahmen seines Zweitprojekts nähert er sich seinem Metier in einer vergleichsweise ungeschönt-rauen LoFi-Manier, was dem atmosphärischen Impact indes nicht schmälert. Im Gegenteil: Sämtliche Nackenhaare stehen stramm, wenn die Hall-Taufen eines Albums auf den Hörer niederprasseln, dass es eine Art hat. Zwar reiht sich JR Fouty durchaus willfährig in die Phalanx der ihm ebenbürtigen Klangmaler ein, doch gelingt es ihm, seinen Texturen eine gehörige Portion Persönlichkeit einzuverleiben. Dass diese Ingredienz nicht als Ballast oder pompöse Traumnabelschau wahrgenommen wird, gehört zweifelsfrei zu den Vorzügen eines Albums, wie es dieser Tage bevorzugt aus dem Hause Fluttery Records hinaus in die Welt driftet. Maximal minimal – und umgekehrt.

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Herod: „Sombre Dessein“ (Pelagic Records/Cargo)

Herod – Sombre Dessein (Pelagic Records/Cargo)
Zeit, um wieder bei
BLCKWVS anzuschließen, et voilà: Herod vom Genfer See schlagen wieder zu. Wenn auch längst nicht nur mit einer Aneinanderreihung von plättenden Riffs. Sondern mit einem – für Genre-Verhältnisse – geradezu fein ziseliertem Gespür für Dosierung, Takt und für jene Kraft, die angeblich in der Ruhe liegen soll. Insofern erschließen sich auch die Fallstricke der eigens gewählten Kategorie des „Progressive Sludge“: Gerade wenn der Vierer es beliebt, einmal die Füße vom (polyphon inszenierten) Zweitakt-Gas zu nehmen, ist Wahrschau Ambach. So wähnt sich die überaus muskulös kaprizierte Wucht von wahlweise zähen oder gar grazil anmutenden Sehnen durchzogen, mit deren Hilfe sich das eitle Protzen mit Schalldruck und sinnfreiem Tamtam hieb- und stichfest verbietet. Inklusive der nötigen Dichte von Aufbau und Struktur, in der die Übergänge von Passung und Unwägbarkeit diffundieren. Am 27. März mit The Ocean im Club Volta zu Köln auch live zu erleben. Und zu bewundern.

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Joyless Euphoria: „Dreaming In Ultraviolet“ (Boersma Records/Edel)

Joyless Euphoria – Dreaming In Ultraviolet (Boersma Records/Edel)
Und noch einmal Hartwurstsud mit Schuss: Joyless Euphoria aus Wien mit ihrem Zweitwerk. Dreaming In Ultraviolet bekennt sich in lobenswerter Weise auf einen Einfluss, den vor allem Bands wie Deafheaven oder Bosse-de-Nage ausgeübt haben dürften. Allerdings bleiben Martin Baumgartner und die Seinen auf Distanz – sowohl gegenüber zur allzu post-rockigen Pose von Deafheaven, als auch gegenüber der schieren Hysterie der Sekundärreferenz. Schließlich ordnen sich die Blackgaze-Elemente auf Dreaming In Ultraviolet einvernehmlich dem gewollten Diktat eines (Post-) Black Metal-Entwurfs unter, der sich erfolgreich um künstlerisch statthafte Autonomie bemüht. Passagen, in denen der innere Zwist aus Aggression und Verzweiflung zur Stasis verführt, drängen sich in diesem Zusammenhang als besonders effektiv auf. Wer diese Feststellung als Abwertung interpretiert, sollte sich auf eine letztlich auch kontemplative Herausforderung gefasst machen, die eben nicht dazu angetreten ist, leere Hülsen zu knacken. Auch wenn es Joyless Euphoria nicht unbedingt darauf anlegen, allzu harte Nüsse in den Wind der Rezeption zu streuen. Man könnte das Mischungsverhältnis der Verdichtung auf „ausgewogen“ taxieren. Einverstanden?

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