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Akte Genesungsheim

machineheart: „People Change“ (Nettwerk/Warner)

machineheart – People Change (Nettwerk/Warner)
Und das soll ein Debütalbum sein?! Dieser fulminate Over-The-Top-Pop mit Tiefgang, der nicht nur in gesanglicher Hinsicht (Stevie Scott) immer wieder an die Heilige Kate (Bush) erinnert? Mit Songs, die überwiegend „on the road“ ihren Anfang nahmen, überrumpelt die Band aus Los Angeles die Erwartungshaltungen. Satt ausgestattet (orchestrale Einfassungen inklusive) und in geradezu strahlender Manier produziert, erweist sich People Chance auf Anhieb als ein veritabler Kandidat für den großen Wurf aus dem Stand. Wobei hier und da der Wille zur sensorischen Überwältigung (nach Art von Arcade Fire) durchschimmert. Dass machineheart alsbald mit You Me At Six auf (US-) Tour gehen, erscheint fürderhin plausibel. Und dass – trotz der detailliert glänzenden Politur – das Befüllen des Kopfkinos nicht vernachlässigt wird (beware of twists!), spricht für den Facettenreichtum eines Albums, mit dem – in diesem Frühstadium der Bandgenese – unmöglich zu rechnen war. Wenn die Macht des Binären schlappmacht, könnte das fortan auch an machineheart liegen.

facebook.com/machineheart

NEØV: „Volant“ (Clouds Hill/Indigo)

NEØV – Volant (Clouds Hill/Indigo)
Frage ohne Preisauslobung: Ließe sich die Kurzrezension zu Chain Wallet ohne Umschweife auf „Volant“, dem Drittalbum von NEØV – übertragen? Handelt es sich doch auch hier um einen gefühlvoll gestalteten Ritt auf dem Dream Pop-Pony. Natürlich nicht, agieren die drei finnischen Landsmänner doch wesentlich weniger überschwänglich als ihre norwegischen Kollegen im Geiste. Jedoch heißt dies noch längst nicht, dass „Volant“ zur Unterkühlung neige. Selbst der bislang gern gezogenen Vergleich zu The XX hinkt, wenn Anssi, Samui und Ari ihren von Melancholie light durchzogenen Oden an ein eher verhalten geglücktes Leben zocken. Und dabei durchaus auch für eine Klientel infrage kommen, die immer dann hellhörig werden, wenn von Sängern und Songwritern die Rede ist. Selten zuvor ist der Brückenschlag von folkig angehauchter Handarbeit zu dezent elektrifiziertem Schuhglotz im Geiste so formvollendet gelungen, wie auf diesem Album, das mit seinen schneidigen Kompositionen kaum dazu angetreten ist, allenfalls temporäre Gefangene zu gängeln. Im März auf Tour durch D.

facebook.com/neovband

No King No Crown: „Smoke Signals“ (Kick The Flame/Broken Silence)

No King. No Crown. – Smoke Signals (Kick The Flame/Broken Silence)
Bereits ab dem 15. Februar in D unterwegs: Die Dresdner Indie-Folker No King No Crown, mit dem Sukzessor von
Without YesterdaySmoke Signals – im Merch. Und wieder einmal sei es irgendeiner höheren Instanz geklagt, dass es sich hierbei um eine Scheibe handelt, die ihre Unaufdringlichkeit zur wahren Tugend erhebt. Sollte man zunächst vermuten. Um dann doch rasch einzusehen, dass es mit der vornehmen Zurückhaltung nicht allzu weit gediegen ist. Denn NKNC scheuen weder vor der Anrufung großer Gefühle, noch vor der Betonung (inhaltlichen) Gewichts zurück. Spätestens wenn anhand des mit Trompete veredelten Deadblack die Nachdenklichkeit ins Feld zieht, gelingt die verbindliche Abkehr von indifferent gefälligen Schemata. Auch der Vortrag von Sänger (und Gitarrist) René Ahlig steht diesem selbstbewusst reklamierten Anspruch in nichts nach. Die olle Zier der Bescheidenheit erkennen NKNC zwar an, doch scheint ihnen der Respekt gegenüber einer effektuierten Mäßigung abhanden gekommen zu sein. Hierzu gilt es die Band zu beglückwünschen. Und somit auch zu einem Album, das mit der Gnade der Beglückung gesegnet zu sein scheint. Amen.

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Piroshka: „Brickbat“ (Bella Union/[PIAS])

Piroshka – Brickbat (Bella Union/[PIAS])
Miki Berenyi (Ex-Lush), Justin Welch (Ex-Elastica) machen gemeinsame Sache mit Michael Conroy (Modern English) und K.J. McKillop (Moose). Gilt es also, einer weiteren „Supergroup“, – einem „90’s UK Indie Dreamteam“ – den roten Teppich auszurollen? Auf dass sich an dessen Enden niemand ins Abendkleid tritt? Oder sonst wie ins Straucheln gerät? Es sei Entwarnung gegeben – und stattdessen Willkommensfreude aufs Tapet gebracht. Denn Piroshka entfalten auf ihrem Erstling ein prächtig konturiertes Stelldichein von ziemlich exakt jenen Zutaten, welche bereits die Vorgeschichte der Beteiligten vermuten lässt. Wobei Miki Berenyi dem Ganzen vielleicht am deutlichsten ihren Lush-Stempel aufdrückt. Was sicherlich kein Manko darstellt, wissen ihre drei Spießgesellen diesen Plafond doch mit allerhand anregendem (und sich wunderbar in die Songdienlichkeit fügendem) Brimborium anzureichern. Es wird munter geschlenkert und aus dem symbiotisch kompilierten Fundus geschöpft, ohne in jene Eierei abzudriften, die Lush nicht immer zur einwandfreien Genießbarkeit verhalf. Großzügig unterfüttert mit bassigem Nachdruck und teilweise gar orchestral dimensionierter Ausschweifung bleiben die Songs stets auf der sicheren Seite von Kohärenz und kontrolliertem Exzess. Und qualifizieren das Album als Ganzes zum Grower. Nehmt euch also gefälligst die Zeit!

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Saccadic Eye Motion: „Limão“ (Schwarz Neon Licht)

Saccadic Eye Motion – Limão (Schwarz Neon Licht)
Bereits zum zweiten Mal begrüßen wir die One-Man-Show aus Israel auf unserer Seite. Und das aus gutem Grund. Denn während das (nicht nur von uns) hochgelobte Doppel-Album Silver Soul nicht müde wurde, falsche Fährten zu streuen, wiedmet sich das zeitlich knapp gehaltene Limão an der Verfertigung verlässlicher Beiläufigkeit. Eher The Durutti Column als die vor Jahresfrist herbeizitierten Flying Saucer Attack. Und eher das Bild wild wachsender Zitronen bei Sorrent vor Augen (…) als die Säure von „limões“ im Gaumen. Kulinarisches Gusto evoziert SEM hingegen bevorzugt mit dezenten B-Noten, deren Existenz zu negieren geneigt ist, wer im Zuge des LoFi-Vermächtnisses die Sporen nicht zur Spur auszudeuten vermag. Ja, Limão mag auf den ersten Drücker des als entrückt vor sich hin Plätscherns überführt werden. Doch an Einbildungskraft hat es uns ja auch noch nie gemangelt, oder?

facebook.com/Saccadic-Eye-Motion-134719489927067

Yak: „Pursuit Of Momentary Happiness“ (Caroline International)

Yak – Pursuit Of Momentary Happiness (Caroline International)
Nach der Überpräsenz von (zum Teil auch post-metallischen) Träumereien abschließend noch ein Hinweis auf amtlichen Wahnsinn im Vollzug von Groove und Dekonstruktion. Selbst ein Jamie Stewart (der sich dieser Tage mit Xiu Xiu und dem Album Girl With Basket Of Fruit mal wieder ordentlich einen gelappt hat) oder – weitaus naheliegender – Tame Impala sind nicht weit, wenn Oli Burslem seinen fröhlichen Obsessionen ein nicht immer freundliches Antlitz verschafft. Wie denn auch?! Hausierte der gute Mensch aus London, in London, doch in seinem scheppen Citroën-Kombi. Bevor ihn eine Begegnung mit Jason Pierce (Spiritualized) – der auf Pursuit Of Momentary Happiness auch zu vernehmen ist – wieder in die Spur brachte. Womit die Story der Entstehung dieses glamourös nervösen Albums noch längst nicht umfassend geschildert wurde. Sei es drum: Erweist sich die Scheibe doch als ein bedenkenswertes Pendant unserer durch und durch eklektizistischen Rock-Epoche zu Raw Power von Iggy und den Stooges. Wie das?! Ganz einfach: Weil die Energie, die von dem ruinös entstandenen Material ausgeht, direkt an den wilden Gestus von einst anschließt. Ohne jedoch dem Primitivismus zu frönen. Wenn aus Verzweiflung ein unbedingter Wille reift, den Malesten der baren Existenz den Weisheitszahn zu ziehen, winkt Oli Burslem als erster mit der Zange. Setzt an, zieht – und erlöst. Zieht den – für heute – letzten Schluss.

facebook.com/yakyakyak

Heißer Scheiß, ich kacke ab …

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