Interview mit Vivie Ann

„Dabei ist doch alles besser als Belanglosigkeit“

Vivie Ann (Stephan Wolf)

amusio: „Machst du dich somit nicht auch angreifbar? Wenn Dissens zwischen deinem Dafürhalten und dem Empfinden des Hörers aufkommt ?“

Vivie Ann: „Das nehme ich gerne in Kauf. Insbesondere mit Songs, bei denen ich kein Blatt vor den Mund nehme. Da wird meine Ausdrucksweise auch schon mal als zu explizit oder gar pervers empfunden. Vom neuen Album ist Loverboy in dieser Hinsicht ein hervorragender Kandidat. Aber ich bin ein erklärter Fan von Kritik. Es macht mir Freude, die Reaktionen einzuordnen. Wenn mir jemand ins Gesicht sagt, was ein Song von mir bei ihm auslöst, ist mir das noch wichtiger als Applaus. Leider interagieren wir kaum noch auf dieser Ebene. Sondern bevorzugen Facebook-Likes. Dabei ist doch alles besser als Belanglosigkeit.“

amusio: „Als Singer/SongwriterIn schwimmst du im Ozean eines uneindeutigen Angebots. Auch Gefahr laufend, erneut das Cover-Artwork von When The Harbour Becomes The Sea zu strapazieren: Es gelingt dir die stilistische Ausflucht, oftmals auch innerhalb eines Songs. Handelt es sich dabei um einen natürlichen Prozess oder letztlich doch um Kalkül?“

Vivie Ann: „Ich bin völlig unbegabt darin, Funktionen vorab festzulegen. Christoph und ich arbeiten Song für Song. Wir probieren was aus. So etwa auch Instrumente, die wir gar nicht beherrschen. Ein befreiendes Element unserer Arbeit! So eröffnen sich Möglichkeiten, bis es sich richtig und gut anfühlt. Was nicht passt, wird halt passend gemacht. Kein Ausschlussverfahren vorab. Kein Kalkül.“

Vivie Ann, mit Kompagnon Christoph Klinger (Stephan Wolf)

amusio: „Erweist sich die Zuschreibung des Genres `Singer/Songwriter´ in deinem Falle als zu vage?“

Vivie Ann: „Ich kann besser mit der Zuschreibung Pop leben! Auch wenn dieses Meta-Genre in Zeiten von Helene Fischer in Verruf geraten sein sollte. Mir sagt der schiere Kontext und die mir ihm verbundene krasse Bandbreite sehr zu. Sobald man jedoch beispielsweise das Prädikat `Indie´ voranstellt, tun sich mehr Grenzen auf.“

amusio: „Ambiguität und Pop – scheint bei dir zu fruchten…“

Vivie Ann: „Ich scheue mich nicht vor dem, was am Markt funktioniert oder funktionieren könnte. Dabei schöpfe ich aus vielem, was ich schon gemacht habe. Da kehren immer wieder griffige Melodien zurück, die ich liebend gerne neu konfiguriere.“

amusio: „Also währt doch immer eine Grenze – die deines persönlichen Erfahrungshorizonts?“

Vivie Ann: „Ja, alles muss im Kern schon selbst erlebt sein. Doch der musikalischen Umsetzung sowie der sprachlichen Metaphorik setze ich keine Grenzen. Ich mag die Erzeugung von Bildern. Auch wenn sie verdächtig oft mit Essen zu tun haben (lacht).“

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