Töne aus den Staaten: Texas, Illinois, Indiana, Kalifornien

Tuning to modernity

Im Laufe ihrer Karriere als Komponistin „tunte“ sich Radie Britain, deren Tonsatz zunächst von Tonalität geleitet war, mehr und mehr in atonale Strukturen und die Zwölftontechnik hinein, um an den wesentlichen Entwicklungsstadien im 20. Jahrhundert teilzuhaben. Dabei war sie unter den Fachkolleg(inn)en bei weitem nicht die einzige, die anfänglich überwiegend nach der traditionellen Harmonik arbeitete; schließlich gehörten später auch Philip Glass und zahlreiche Schöpfer von Filmmusik hierzu, etwa John Williams, die sich vorerst nicht „allen“ Möglichkeiten der Moderne verschrieben hatten.

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Radie Britain (1899 – 1994) betätigte sich in Feldern männlicher Domäne (wie selbstverständlich und daher) erfolgreich und engagierte sich für die Gleichstellung schreibender Frauen mit ihren Kollegen. Ein lebendiges Bild von der Überwindung künstlerischer und beruflicher Hürden bietet ihre Autobiographie ‚Ridin‘ Herd to Writing symphonies‘ (Piano Rare Scores).

Britain wurde 1899 in der texanischen Stadt Silverton geboren. Bald nach dem Ersten Weltkrieg nahm sie – weit von der ursprünglichen Heimat entfernt – in Chicago ein Klavierstudium auf, an das sich berufliche Schritte als Lehrerin auf dem Instrument anschlossen. Zurück in Texas besuchte sie Stunden bei dem Orgeldozenten Pietro Yon in Dallas; Begabung und ausgereiftes Spiel führten sie 1923 nach Paris zu Marcel Dupré, dann zu Adele von der Ohre. In München sattelte sie ein Zweitstudium in Komposition und Musiktheorie darauf, das seinen Abschluss 1928 in Chicago fand. Nach einer Dozentenstelle dort lehrte Britain später auch in Hollywood.

Ihren Weg zur symphonischen Komposition beschreibt Radie Britain in einem 1996 veröffentlichten vielbeachteten Buch (Scarecrow Publ., ISBN 13-978-081082733-2).

Nach Anfängen in der Klavierliteratur ging die Musikpädagogin in ihrem eigenen Schaffen bald zu komplexe(re)n Partituren über, trug zu den Genres der Kammermusik ebenso bei wie zur Chormusik, Liedkunst, Oper, Kinderoperette, zu Symphonie, Programmmusik für Orchester und Ballett. Sie ging mit Vorliebe auch visuell bestimmten Themenfeldern auch aus Literatur und Film ihrer engeren Heimat im Südwesten der Vereinigten Staaten nach: So komponierte sie 1935 Southern Symphony, 1950 mit Red Clay ein Westernballett, schrieb 1956 eine Cowboy Rhapsody für großes Orchester, 1987 und 1988 die symphonischen Werke Sam Houston und Texas, die auf Serialität und atonale Techniken (zurück)verweisen. Über die Musik hinaus war Radie Britain auch als Fachautorin und journalistisch ein Talent, verfasste zahlreiche Zeitschriftenbeiträge sowie eine Klavierschule und engagierte sich über Jahrzehnte in der National League of American Pen Women.

Zum Hineinhören:
Nocturne for Orchestra (1934)

Literatur u.a.
C. Megan Hoffman MacDonald: Radie Britain: Composing the American Hero. Diss. Florida State University 2012.

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.