Amusio Assessment Center (11)

Kontinuität – Faktor ohne Größe

Bewider: „Full Panorama“(Folk Wisdom)

Bewider – Full Panorama (Folk Wisdom)
Genug des gen Himmel gerichteten Geschreis. Widmen wir uns einer den Konflikt negierend unorthodoxen Herangehensweise: Piernicola Di Muro und seinem Album – Full Panorama. Friedfertigkeit zeichnet diese Album ebenso aus wie eine sehr gewisse Nostalgie – im Hinblick auf Syntesizer-Sounds, die noch als solche zu vernehmen und anzuerkennen waren. Als handele es sich um die Alphabetisierung des Vergangenen, buchstabiert der Herr seine Elogen aus Moment und Gegenwart. Wobei die Grenze zwischen Eloge und Elegie fließend verläuft. Eingestandene „Fehler“ im Vollzug gerieren sich zu Wegweisern. In Richtung auf unaufgelöste Komplexe, die Intelligenz fordern, wo doch – an sich – nur das Empfinden Drehbücher diktiert.

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Drenge: „Strange Creatures“ (BMG)

Drenge – Strange Creatures (BMG)
Gitarre, Schlagzeug, offiziell kein „richiger“ Bass. Die Rechnung, die einst von The White Stripes oder The Black Keys aufgestellt wurde, geht bei den Gebrüdern Rory und Eoin Loveless nun formidabel auf. An dem von Ross Orton (Artic Monkeys, M.I.A., The Fall zuvor) produzierten, hier vorliegenden Werk überzeugt zunächst – die schiere Wucht. Selten gerieten Aufnahmen so direkt, Drenge spielen brutal im Hörzimmer auf. Was aber Strange Creatures so besonders macht, ist eine Dramaturgie, die schleichend vom Offensiven in die Kontemplation überführt. Mit durchgängig offen gehaltenem Visier pflanzen Drenge geradezu post-rockige Einfallschneisen ins Gemüt bedachter Tretminen-Verkoster. Auf dass die Gitarrenarbeit in einem umfassend umwerfenden Track wie Avalanche kulminiere. Der Begriff der Direktheit wird von Drenge neu definiert. Da beißt auch die Rotzkanne bei Prom Night nicht ins vage Gehege.

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FTR „Manners“ (Metropolis Records/Soulfood)

FTR – Manners (Metropolis Records/Soulfood)
Weniger verspielt, dennoch kompatibel zum vorherigen Ablassens angestauter Freuden: FTR schwimmen ordentlich Delphin, im Ringen um jene Krone, die zurzeit The Soft Moon innehaben. Was auch immer zum Doping verholfen hat: Es mag nicht im Knast landen. Sondern, wesentlich effektiver, in den Salatbars der guten Laune. Fromme Wünsche – und Terror im Einvernehmen. Ein Album wie ein Keramikmesser. Scharf und zerbrechlich zugleich. Da ersetzt letzten Endes noch eine Ahnung von Würde die anfänglichen Wünsche. Aufgepasst! Und locker abgefräst. „Wer kann dazu schon `Nein´ sagen?!“

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Standing Waves: „The Wave“ (IndiGoBoom)

Standing Waves – The Wave (IndiGoBoom)
Wenn Marcus Davidson und Roger Huckle die Grenzen zwischen Wildwest-Saloon und mittelöstlichem Diwan pulverisieren, könnte die im Albumtitel avisierte Welle ins Brechen geraten. Vor lauter allzu guter Laune. Und der Freude am eigenen Standvermögen. Doch enthält „The Wave“ zahlreiche Momente, die dann doch nicht dazu angetreten sind, der Selbstherrlichkeit zu verfallen. Bei aller beflissenen Kunstfertigkeit bleibt ein Rest an emotionalem Zweifel, der dieses Album zum Garant für ambige Anwandlungen macht. Nicht gerade schlicht. Aber dennoch schön.

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d.o.o.r.: “ Songs From A Darkness“ (Poise)

d.o.o.r. – Songs From A Darkness (Poise)
Äußerst hart gesottene Kost von Oona Kastner und Dirk Raulf (Deep Schrott): Bezeichnen diese selbst als „eher rituelle Zeiterfassung“. Das Besteck für ein Dinner ohne Aussicht auf Verdauung, es liegt bereit. In Form von Bass- und Kontrabass-Klarinetten. Geht es noch? Aber sicher doch! Denn die Erfahrung, apostrophierte Dunkelheit de facto erfahren haben zu wollen, – indes nicht an ihr gescheitert zu sein – schleicht sich wie ein Stück aus gefrorener Limonade in den Vollzug. In den Vollzug des diametral Versöhnenden. Und der Aufhebung von jeglichen Ängsten, die sich an Routine nähren. Dabei gefällt insbesondere ein Hang zum Pastoralen, Nautischen, eben dezidiert nicht Urbanen. Unbebaut, ja geradezu edel. Und frei von Noblesse.

poise.de

Orfeón Gagarin: „s/t“ (Verlag System

Orfeón Gagarin – s/t (Verlag System)
Kaum zu glauben … ihr wisst, wie der Satz weiterzugehen hat. 1986 erstmals der Öffentlichkeit preisgegeben, entfaltet der Minimal des Señor Gagarin (aka. Miguel Ángel Ruíz) auch rund 33 Jahre danach eine Wirkung, die sich als ostentativ neu erweist (kennt noch jemand „Barcelona Metro Pakt“?). Und einer Philosophie der temporären Unkenntlichkeit den Weg bahnt, der Kopfzerbrechen breitet. Oder auch nur die schiere Freude an unlängst in Vergessenheit geratener Präsenz. Wer hier an die onanistisch-masturbatorischen Genüsse von Space Invaders und Co. denkt, muss sich nicht unbedingt als falsch gewickelt wähnen. Gepriesen sei die Zeit vor der Zweisamkeit.

verlagsystem.bandcamp.com

Michael Rother: „Solo“ (5 CD-Boxset) (Grönland/Rough Trade)

Michael Rother – Solo (5 CD-Boxset) (Grönland/Rough Trade)
In diesem Sinne sei auch auf „Solo“ hingewiesen, einer weiteren Erinnerung. Ob es dem Innovator Michael Rother (den es hier nicht weiter vorzustellen gilt) so gut zu Gesicht gestanden hat, sich der Seichtigkeit zu stellen, wie diese Box suggeriert, sei dahingestellt. Wertet man das nunmehr kompilierte Werk als Emanzipation vom Willen zur Ausdifferenzierung, wird die Imago indes wieder stimmig. Zeigt sich hier doch das apoplektische Vermögen einer Versöhnung, die uns Töchtern – in der Dämmerung unwegsamer Hoffnungen – wohl auch auf lange Sicht verwehrt bleibt. Und wenn auch nur eine Hoffnung bleibt: Dann die, dass die Alben, nach dem hier noch enthaltenen „Fernwärme“, also „Lust“ etc. bald auch wieder eine derartige Würdigung erfahren.

facebook.com/michaelrother.music

Abakteriell und redundant, so wollen wir dem Zeug ein Sein entgegen halten. Und handele es auch „nur“ um eine Art von Sein, die sich dort, im Niemandsland – beizeiten – als Hemmung offenbart. Im Grunde erheischen wir ein – oder zwei bis drei – Leben lang nur Freundschaft. Doch das Wissen um die Vergeblichkeit dieses Begehrens driftet zur Zerstörung. Im Vernehmen ihrer Entstehung. Tschüss.

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