Meisterwerke der polnischen Musik XLII

Avanciert avantgardistisch, gleichzeitig publikumsnah

Im schlesischen Katowice, genauer in der Konzerthalle des Polnischen Radio-Symphonieorchesters, erwartet das schlesische, aber auch auswärtige Hörerschaft am 30. März 2019 inmitten des 8. Festivals der Uraufführungen die „Taufe“ von Hanna Kulentys zwei Jahre zuvor in Angriff genommenem und 2018 abgeschlossenem 3. Flötenkonzert mit der Solistin Jadwiga Kotnowska.

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Hanna Kulentys (* 1961) ‚GG Concerto‘ für Cembalo und Streicher von 2009 dokumentiert einmal mehr die die fortgesetzte Beschäftigung mit alten Instrumenten, die auf einmal wieder im Trend liegen können (Dux, ASIN: B005EFU06K, 2011).

Abweichend vom Primat des Klaviers oder der Violine im Solo-Auftritt schrieb sie für etliche Orchesterinstrumente „im Alleingang“: Brass No. 4 für die Tuba, Brass No. 1 für eine einzelne Trompete, Sinequan für Cello, Still Life for a Violin und Three Minutes for the Double Bass bereits 1985. Kulenty selbst studierte einst am Warschauer Musiklyzeum Klavier und trug selbst zu dessen Repertoire durch etliche kammermusikalische Werke, in der Regel als Duo mit einem anderen Instrument, und bis 2003 auch durch 3 Klavierkonzerte bei. Nach Kompositionsstudien an der Warschauer Chopin-Musikhochschule ging sie nach Den Haag, wo zu dieser Zeit Louis Andriessen unterrichtete. Die Konfrontation mit neuesten experimentellen Werken dort sowie bei den Darmstädter Ferienkursen veranlasste sie selbst zu Beiträgen zur elektroakustischen Musik, 1984 etwa zu Prośba o Słońce („Sehnsucht nach Sonne“) für Tonband. In dem Bühnenwerk Island (2006) spielt das Tonband eine Nebenrolle.

Aufmerksames Gehör wird Hanna Kulentys neuestes Flötenkonzert am 30. März 2019 um 18 Uhr in der NOSPR-Konzerthalle Katowice finden (Radek Grzybowski, 15.3.2016, CC-Liz.).

Bislang konzentrierte sich ihr Schaffen neben wenigen opernnahen Werken auf traditionelle Stimmen des Orchesters, aber auch für größeres Ensemble als Klangkörper, zu dem sie mit zwei Sinfonien beitrug. Eine Ausnahme sind einige Stücke für Perkussion und die vorgeschriebene Verwendung des Nachhalls bei Violine und Cello. Im Zuge der „Wiederentdeckung“ des Cembalos durch die Alte-Musik-Bewegung und seine andersartige Verwendung in der avantgardistischen Musik, etwa bei Ligeti und Nyman, veröffentlichte sie 1991 E for E und 2009 GG Concerto in Verbindung des „historischen“ Tasteninstruments mit dem Streichorchester. Kulentys Tangos und jazzaffine Besetzungen arbeiten auch der Adaption von Stilen außerhalb der Kunstmusik im „strengen“ Sinn zu. Zahlreiche Kompositionen, beispielsweise Rapidus für Saxophon-Quartett, verraten auch, dass die zwischen den Niederlanden und Polen pendelnde Künstlerin häufig Aufträge von Ensembles und Orchestern erhält.

Stilistisch lässt sich an ihrem Repertoire vielfältiger Gebrauch avantgardistischer und traditioneller Elemente feststellen, der aber jedesmal zu originellen Kreationen führt, etwa in Going Up 1 von 1995, in dem über ostinatem Bass mikrotonal orientierte Laute einer Violine erklingen.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.