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Klingende Heilkunde

Ritual Howls: „Rendered Armor“ (Felte/Cargo)

Innere Unruhe? Dumpfe Vorahnungen? Dauerstress statt Balance? Psychopharmaka, Naturheilkunde, Yoga-Kurse oder einfach nur ausreichend frische Luft (Vorsicht Feinstaub!) könnten diese Symptome des zivilisierten Lebens etwas abmildern. Dass wir hingegen empfehlen, sich zu diesem Zwecke mal wieder mit – neuen – musikalischen Reizen auseinanderzusetzen, die der Vorhersehbarkeit des Altbekannten kaum abzuringen sind, muss nicht unbedingt als ein papierner Ehrendienst im Sinne der Branche verstanden werden.


Ritual Howls – Rendered Armor (Felte/Cargo)
Nach dem umwerfenden Turkish Leather und dem knorrigen Nachfolger Into The Water der nächste Streich aus Motor City Detroit. Offenbar ist es dem Trio daran gelegen, noch entschiedener als zuvor die eigenen Sound-Charakteristika herauszuarbeiten: pervertierter Western-Twang, Sisters Of Mercy auf Amphetaminen, verdreckte Dance-Alluren (Love Cuts). Also nichts, was sich unter dem Passepartout des Postpunk subsumieren ließe. Bleibt die Frage, ob es aufgrund der Eigenwilligkeit des Geschehens länger zu dauern hat, bis man mit Rendered Armor warm wird. Es sei denn, man verglüht auf Anhieb wehrlos in der schwitzig-hitzigen Atmo eines Albums, dessen ausgefeilte Spielfreude den Generalbass grobschlächtiger Verzweiflungstaten in höchst erregender Weise überlagert.

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Exseind: „s/t“ (Orion Network)

Exseind – s/t (Orion Network)
Die von Flötist/Saxophonist Cristian Gallardo und Laptop-Tausendsassa Lars Graugaard initiierte „Interdisciplinary Sensory Experience“ muss zwar auf dem vorliegenden Tonträger (Floppy-Disc) naturgemäß ohne die visuelle Komponente (für die eine gewisse Ce Palms verantwortlich zeichnet) auskommen. Doch das ursächlich in Chile beheimatete Projekt entfaltet seine hypnotische Wirkung auch unabhängig vom Spiel aus Licht und Farben. Während zunächst ein infernalisch schleifender Dub das Geschehen dominiert, setzt sich nach und nach ein Trance-Trip durch, dessen Manufaktur im Vagen bleibt. Vor lauter Ereignisdichte, mit Hang zur Überforderung kredenzt, empfiehlt sich das präventive Aufschlagen eines Sauerstoffzelts. Massive!

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Labreque/Barakat: „Terminal Desert“ (Karlrecords)

LaBrecque/Barakat – Terminal Desert (Karlrecords)
Auf die Meta-Überzeugungstäterschaft des palästinensischen Kreuzberges Ghazi Barakat (Pharoah Chromium) haben wir bereits mehrfach hingewiesen. Und auch seine (kaum vorhersehbare) Kollaboration mit dem Bostoner Gitarristen Paul LaBreque (Sunburned Hand Of The Man) verdient ein hohes Maß an Aufmerksamkeit – und Anerkennung. Denn die sich über zwei Longtracks erstreckende Terminal Desert lässt die symptomatischen Klänge von Gimbri, Rauschpfeife – sowie arabisch anmutende Perkussion – mit schemenhaft eingeflochtenen Elementen unbestimmter Abkunft kollidieren. Um diese Gemengelage binnen einer kurzen Phase der gegenseitigen Überwindung in eine Kohärenz zu überführen, die Habitus und Distinktion beinahe vergessen machen. Wäre da nicht der latent mitschwinge Überbau einer disparaten Protesthaltung, selbst wenn sich deren Resonanz nur assoziativ erfüllt. Als sensorisch evidente Rekonstitution von Fremde und Xenophilie. Als ein progressiv ausgeformter Culture Clash ohne Grenzen. Es führt der Weg vom Jajouka Pipe Dream zum Planet R-101, – weiterhin etwa an der Seite eines Brion Gysin nachvollziehbar.

facebook.com/Karlrecords-127329670614674

No Man’s Valley: „Outside The Dream“ (Tonzonen Records/H’art)

No Man’s Valley – Outside The Dream (Tonzonen Records/H’art)
Eine noch wesentlich zugänglichere Variante dingfest gemachter Bewusstseinserweiterung präsentiert der niederländische Fünfer auf seinem zweiten Longplayer. Denn anstatt seine Gaben im Überfluss oder gar wirr zu verschwenden, erweist sich Outside The Dream als ein Bekenntnis zu Songstrukturen. Sowie zu einer im besten Sinne rockigen Tonalität. Überwiegend live eingespielt, lässt sich eine energetische Dichte konstatieren, die in ihren betont aufbrausend gestalteten Passagen ein mitreißendes Vermögen unter Beweis stellt. No Man’s Valley erinnern dabei durchaus an die Psychrock-Granden der Sechziger (From Nowhere), lassen aber auch die konkreten Schärfen späterer Epochen gelten. Dass sie bereits eine Band vom Schlage der Stranglers live supportet haben, ergibt Sinn. Und Outside The Dream insgesamt ein dunkel schimmerndes Manifest der rock-musikalischen Bewegungsfreiheit. Mit viel Hall im Gebälk und strapazierfähiger Haut auf den bruchfesten Knochen.

facebook.com/nomansvalley

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