Ein Geburtstagscarmen mit Musik - neulich identifiziert

Missing Link: in Nordirland

Kaum später als zur Wende 2018/19 wurde unser notgedrungen fragmentarisches Wissen über die Eigenart von nordirischer Barockmusik in ihren „besten Jahren“ um einen bedeutenden Fund erweitert. Obwohl an den nahen Grenzen die frostig-ungemütlichen Bedingungen eines nahezu alle bedrohenden Brexit ausgefochten werden, werkeln interkulturell aufgestellte Musik(wissenschaftl)er/innen unbeeindruckt weiter an lohnenden Aufgaben …

Neues Erlebnis bei der Organisation Deiner Musikschule

Am 26. Januar 2019 kam es hier zur legendären Wieder-Uraufführung der für den englischen König bestimmten Geburtstagsode von Richard Leveridge: Die Kathedrale Christ Church in Dublin (links im Bild / Thpohl, August 2003, GB p.d.).

Es geht dabei um die zeitliche Einordnung eines in London aufgefundenen Manuskripts und die endgültige Identifikation seines Urhebers durch Estelle Murphy von der Maynooth University. Die Ode Welcome Genial Day aus der Hand des bedeutenden Bassisten und engagierten Komponisten Richard Leveridge (1670 – 1758) galt der Dubliner Christ Church und datiert mit der sicheren Zuweisung 1701 noch vier früher als das bisher älteste bekannt gewordene Werk der Epoche – ein mehr oder minder kontingent ermittelter Beleg dafür, dass es im Umfeld der hochbarocken britisch-irischen Musikszenen jenseits von London auch noch Älteres geben muss, wissenschaftlich betrachtet also ein größerer Stein ins Rollen gebracht wurde.

Richard Leveridge schrieb Gelegenheitsmusiken für weltliche Anlässe ebenso wie komisch-patriotische Balladen und leichtgewichtige Lieder bevorzugt zu mythologischen Figuren (Gemälde zw. 1710 und 1720, NPG 6596, National Portrait Gallery, GB (/US) p.d.).

Die Widmungskomposition zum Anlass der Geburtstagsfeier gilt keinem (ständisch) Geringeren als dem Monarchen William III. Da der König selbst ja in London weilte, musste, wie als sehr wahrscheinlich angenommen wird, von seinem Stellvertreter, dem Lord Lieutenant die Leitung des mit Böllerschüssen und vielleicht auch Feuerwerk begangenen Events übernommen worden sein. Estelle Murphys exakte Beweisführung wurde möglich durch den Handschriftvergleich mit einem alten Liedtext aus der Stadtbibliothek Dublin, der – wie ein Puzzlestück – genau zur in London bis dahin unerkannt die Jahrhunderte überdauernden Odenkomposition passte.

Wiederaufführung nach 318 Jahren:
Richard Leveridge: Welcome Genial Day (1701)

Quelle:
Stephen McDermott: ‚It’s a big discovery‘: How a lost piece of music composed in 1701 found its way back to the Dublin stage. In: thejournal.ie (Januar 2019)

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.