8. Symphoniekonzert der Saison am Theater Erfurt

Drei-Länder-Frühjahrsromantik

Passen Komponisten immer ihre Ideen dem gewählten Stoff an oder ist es nicht öfter auch umgekehrt? Jedenfalls ging der nicht nur in Angelegenheiten des musikalischen Satzes recht unbeschwerte Hector Berlioz sehr frei mit Goethes Drama um, als er einzelne Szenen in seiner Opéra de concert mit dem Titel La Damnation de Faust, uraufgeführt in Paris Ende 1846, einfügte. Damit der von ihm über alles favorisierte Rákóczi-Marsch über einen magyarischen Volkshelden hineingebaut werden konnte, verlegte Berlioz dafür eigens den Handlungsbeginn in ein ungarisches Idyll: Faust begrüßt hier den Sonnenaufgang, während die Dorfbevölkerung tanzend den Einzug des Frühlings feiert; ein landeseigenes Heer marschiert unter den Klängen eben jenes Marschs in den Krieg.

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Andante un poco maestoso: Beginn des ersten Satzes von Schumanns „Frühlingssymphonie“, op. 38 (Op47, 12.8.2011, CC-Liz.).

Myron Michailidis, selbst ein erfahrener Dirigent von Schumanns, Tschaikowskys und Berlioz‘ Orchesterwerken, sprang am gestrigen Donnerstag für den vorgesehenen Gast Zu Xhong, der plötzlich erkrankt war, kurzfristig ein. Der rasch erforderliche Zugriff nach nur einer Tagesprobe zeitigte einen kompakten Start in den Konzertabend am Theater Erfurt. Sowohl die Freude über die erwachte Natur als auch die eher lebensfrohe Marschhymne erfuhren durch diese Aufführung auch dynamisch eine explosive, fulminante Interpretation. Dazu trugen insbesondere die Hörner und Posaunen ihren Teil bei; an manchen Stellen tauchen harmonische Durchgänge besonders im Bläserapparat auf, die Passagen in Bachs Präludium und Fuge Es-Dur (in der Orchestrierung Schönbergs) in den Sinn kommen lassen.

Myron Michailidis bei einem Konzert in Athen am 18. Juni 2018 (Leporello78, CC-Liz.)

Den Mittel- und Höhepunkt des 8. Symphoniekonzerts am 4. April 2019 bildete freilich der rare Auftritt einer Solistin wie Diana Tishschenko. Als Konzertmeisterin beim Gustav Mahler Jugendorchester und (über zwei jahre hinweg) beim Münchner Kammerorchester verfügt die knapp neunundzwanzigjährige Geigerin von der Krim bereits selbst über Leitungserfahrung, konnte aber alleine durch ihr differenziertes und unaufdringliches Spiel das Orchester in den Dialog mitreißen. Wüsste man nicht um die motivisch-thematischen Klammern, die jeden einzelnen Satz zusammenhalten, könnte man im Falle deutlicherer Zäsuren, wie sie manche Solist/inn/en hier setzen, den Eindruck gewinnen, dass es sich bei Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester, 1878 am Genfer See entstanden, um eine bloße Aneinanderreihung von Variationen und technisch herausfordernden Etüden handelte.

Geugenvirtuosin Diana Tishchenko, Jahrgang 1990, ist im Theater Erfurt am 4. und 5. April 2019 zu Gast (Benchik; Theater Erfurt).

In Wahrheit entfaltet der Russe aber seinen ganzen, von Leidenschaftlichkeit geprägten Einfallsreichtum – auch im Sinne der „Veränderung“ – an Melodien. Diana Tishchenkos freundliche Zugabe der Ballade von Eugène Ysaÿe für Violine solo als Kontrastbeispiel aus der Moderne des 20. Jahrhunderts war als Parallele zu Tschaikowskys Konzert vollkommen stimmig gewählt, da auch hier ein seinen Ideen nach breit aufgefächertes Variationenwerk vorliegt, das der Virtuosität des Spielers mit zahlreichen mehrstimmigen Partien einiges abverlangt.

Die große Künstlerin und Virtuosin Clara Wieck zur Zeit ihrer Vermählung mit Robert Schumann – im Jahr ihres 21. Geburtstags (Zeichnung von Johann Heinrich Schramm, 1840, D/US p.d.)

Frühlingshaft erblühen ließ Myron Michailidis mit dem Philharmonischen Orchester Erfurt auch Robert Schumanns 1. Symphonie B-Dur, die zu Recht den Namen der Jahreszeit trägt, da sie deren poetisches Programm beinhaltet, angeführt von Adolf Böttgers Vers O wende, wende deinen Lauf, im Tale blüht der Frühling auf. Bekanntlich ist die Symphonie eng verknüpft mit dem Liebesverhältnis Schumanns mit der nicht nur vielversprechenden, sondern auch haltenden Pianistin und Komponistin Clara Wieck und ihrer Trauung im September des Jahres 1840. Die hohe Stimmungslage ist vielleicht nicht ganz so deutlich wie bei Tschaikowskys innig-elegischen Melodien, bricht sich aber in der überaus feinsinnigen Durchinstrumentierung über alle Sätze Bahn; ihr Duktus schließt deutlich an die vom Komponisten selbst entdeckte letzte Symphonie Franz Schuberts an.

2. Termin: 5.4.2019, Theater Erfurt, Großes Haus

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.