Kunst des Rembetiko: entwickelt auf der Insel des Hippokrates

Von Kos in die Neue Welt

Es war natürlich alles andere als Zufall, dass die auf der östlichen Dodekanes-Insel Kos aufgewachsene Liedsängerin Marika Katsoris gerade ihren Konzertbegleiter, den Cymbalom-Spieler Kostas Papagika, heiratete … 

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Eine große Anzahl von Marika Papagakis Liedern aus dem Schatz des Rembetiko und des Klefto dimotiko erschien als MP3-Album bei New Emotions (ASIN: B00K9UA416, 2014).

Ungewöhnlich mutet es für die Verhältnisse der Zeit aber an, dass die Sopranistin mit der charmanten und wohl früh anerkannten Stimme erst dreiundzwanzigjährig zu ihren ersten Aufnahmen für die britische Grammophon-Gesellschaft ins ägyptische Alexandria kam, als das Medium noch in den Kinderschuhen steckte; bislang konnte leider nur eine dieser frühen Einspielungen geborgen werden. Unkonventioneller noch für eine Musikerinnenkarriere im Westen des damaligen osmanischen Reiches erscheint die zwei Jahre später, 1915, unternommene Emigration des Paars über Ellis Island in die USA.

Mit einheimischem und gesamthellenischem Liedgut im Gepäck reisten Marika und Kosta Papagaki 1915 in die Neue Welt ein (Kephalos, 9.4.2019, Hanns-Peter Mederer).

Zunächst trat Marika Papagika für Victor Records vors Mikrophon, 1919 bereits für Columbia Records. Ihr ist es zu verdanken, dass griechische folkloristisch-klassische Musik einschließlich aufgekommener populärer Stile wie des städtischen Rembetiko und des Ruhmestaten feiernden Klefto Dimotiko auch jenseits des Atlantiks rasch an Einfluss gewann. An der 34. Straße New Yorks eröffnete sie mit ihrem Mann ein „café-aman“, das bald Treffpunkt verschiedener Künstler und anderer Einwanderer aus Südosteuropa wurde.

Der „Vater der Homöopathie“ Hippokrates (5. bis 4. Jh. v. Chr.) ist wohl die bekannteste, auf Kos geborene Persönlichkeit des Altertums, Marika Papagika die sicherlich bedeutendste Musikerin in neuerer Zeit (H.-P. Mederer 8.4.2019). Katzen wie hier sind übrigens überall auf der Insel präsent, auch auf dem Schoß der Statue des antiken Heilkundigen.

Als der Börsenmarkt in der neuen Heimat einbrach, mussten Marika und Kostas langfristig auch ihr beliebtes „café-aman“ aufgeben. Dennoch gelang es der Sängerin bis 1937 neue Lieder aufzunehmen, auch wenn sie sich gegenüber Koula Antonopoulos als ernstzunehmender griechischer Konkurrentin auf US-amerikanischem Musikterrain zu behaupten hatte. Das thematische Spektrum von Papagikas „tragoudia“ reicht vom Tanz in Smyrna, Zalongos und Mitilini über die Klage einer Gefangennahme in Sygros und Sehnsuchtsorten in der Natur (Siehst du diesen Berg?, Unter der arkadischen Platane) bis zur Charakterisierung von Frauen aus der Umgebung und zum Porträt von Fischern bei ihrer Arbeit.

Kos: Musikfestival im September 2019

 

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler aus München; Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.