Zwischen Lovies Busbetsky und Karl Christian Agthe

Rokokomusik in Estland – eine Leerstelle?

Staatliche Unabhängigkeit ist das eine – die beiden nördlicheren baltischen Länder erreichten sie erst 1991. Künstlerische Souveränität dagegen lässt sich, auch wenn sie sich vorübergehend „im Untergrund“ behaupten muss, leichter erringen. In der Folklore dominierten lange die sicherlich ins frühe Mittelalter zurückgehenden Runenlieder, neuzeitlich abgelöst durch moderne Gesänge in endgereimter Strophenform.

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Den heutigen estnischen Präsidentensitz Kadriorg ließ Zar Peter der Große zwischen 1718 und 1725 – also am Beginn der Kunstperiode des Rokoko – von Nicola Michetti und Gaetano Chiaveri erbauen (Diego Delso, * 1974, 12.8.2012, Wiki Loves Monuments Liz.).

Zwischen Johann Valentin Meder (1649 – 1719), einem Oratorienkomponisten, der nur vorübergehend in Reval, dem heutigen Tallinn wirkte, und gleichfalls dort befristet Karl Christian Agthe (1762 – 1797), ebenso deutschsprachiger Ausländer und Verfertiger komischer Opern nach dem Zuschnitt der Wiener Klassik, liegen Jahre scheinbar geringer Aktivität innerhalb der Kunstmusik.

Eine Torupill- oder Dudelsack-Spielerin in der aktuellen estnischen Folkloreszene. Die Landkarte der Kunstmusik des baltischen Landes weist hingegen etliche weiße Flecken auf – insbesondere im 18. Jahrhundert (Valju Aloel, 24.7.2004, GNU Free Doc. Lic.).

Im Jahr 1680 erklang im damaligen Reval erstmals Meders deutsche Oper Resolute Argenia. Zum Ende des 17. Jahrhunderts hin wirkte Lovies Busbetsky, ein Schüler Diderik Buxtehudes, nachweislich als Organist in der deutschen Kirche des estnischen Narva. Nur zwei geistliche Kompositionen aus seinem Werk, die früher seinem Lehrer zugeschrieben wurden, sind erhalten: ein Erbarm dich mein für Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassstimme mit Kammerorchester sowie ein Laudate Dominum für zwei Violinen, Fagott oder Violone und ein Continuo-Instrument.

Um 1740 begann eine deutsche Brüdergemeine großen Einfluss in Estland auszuüben und begründete hier die Chortradition des „Singvereins“. Davor verbleiben etliche weiße Stellen und Fragezeichen in der Musikgeschichte des Landes. Die Lücke, insbesondere diejenige von 1700 bis 1740 zu füllen, kann infolge der archivarischen Situation als Desiderat zunächst der estnischen, teils auch der postsowjetischen Musikwissenschaft bezeichnet werden.

Literatur u.a.
Max Peter Baumann (Hg.): Traditional Music in Baltic Countries. Berlin 2002.
Monika Topman: Musik in Estland gestern und heute. Tallinn 1978.

Tallinn: Konzertkalender 2019

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.