Meisterwerke der polnischen Musik XLIII

Erstmals: Folklore in der Sinfonie

Mangel an Einfällen konnte ihm gewiss nicht nachgesagt werden: Bazyli Bohdanowicz, aller Wahrscheinlichkeit nach 1740 in einer Region des südöstlichen Kleinpolen geboren, wirkte nach Studien als Violinist am Leopoldstädter Theater der einstigen Wiener Vorstadt und betätigte sich bald schon eifrig als phantasiereicher und produktiver Komponist. Mit Fug und Recht kann er als der erste bezeichnet werden, der polnische folkloristische Musik in eine Sinfonie (in D-Dur) einbezog; durch ihn kam die Verwendung populärer Melodien einschließlich ihres Satzes in der Orchestermusik in Schwung … und setzt sich bis heute fort.

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Das Marinellische Theater in der Wiener Leopoldstadt im Jahr 1825: Hier wirkte der Violinist Bazyli Bohdanowicz (Gemälde von Franz Scheyerer, A p.d.).

Neuartig im Musikleben des damaligen österreichischen Kaiserreichs war wohl auch der Umstand, dass er gerne seine große Familie, zu der wenigstens acht Kinder zählten, zu Aufführungen heranzog; beliebt wurden seine häufig humoristischen Konzerte mit Vokalisen, also Gesangsstücken, in denen nur auf Vokale gesungen wird. Nach den Angaben des Bibliographischen Lexikons des Kaisertums Österreich zu urteilen schrieb er zunächst Kammermusik für Geige und Klavier, woraus seine 1780 veröffentlichten 12 Polonaises avec 3 pièces pour le fortepiano hervorgingen. 3 Violinduette folgten 1784 und vier Jahre später bei Artaria Daphnis et Phillis avec un Adieu für Klavier zu vier Händen.

Aufforderung zur Polonaise: Bazyli Bohdanowicz (1740 – 1817) schuf 12 Stücke für Cembalo zu dem populären Tanz (‚Polonais‘ von Jean-Pierre Norblin de La Gourdaine, 1745 – 1830, GNU Free Doc. Lic.).

Dem Hang zu Vokalkonzerten entsprechend soll Bohdanowicz zudem ein Pfeifkonzert komponiert haben. Einer äußerst kuriosen Idee verdanken sich einmal die Klaviervariationen für acht (!) Hände oder die Sonaten auf einer Geige mit vier Bögen und sechzehn Fingern, die der Hälfte seiner großen Kinderschar zur Ausführung zugedacht waren. Die sogenannten Vokalsinfonien muten, berücksichtigt man die Entwicklung der Avantgarde im vergangenen Säkulum, recht modern an: Hier baute er Echos ein und Naturgeräusche aller Art, unter anderem Hühnergackern und Hundegebell. Angeblich plante er zuletzt auch eine Vertonung von Klopstocks Hermannschlacht für drei Orchester ohne Geigen, doch mit Bratschen, die die enthaltenen Bardengesänge grundieren sollten.

Noten
aus dem Repertoire von Bazyli Bohdanowicz in der Open Music Library

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.