Purcells 'The Fairy Queen' zum Pfingstvorabend am Theater Erfurt

Was auch immer möglich ist: Grenzüberschreitungen im Elfenreich

Wald und Stadt, Licht und Schatten, Schwarz und Weiss, Fantasie und Verstand, Gleichheit und Standesprivilegien: Polaritäten sind von Menschen erdacht und behauptet, doch besteht allzeit die Möglichkeit der Mischung und Einebnung des Ungleichen: In Shakespeares Schauspiel A Midsummer Night’s Dream erlaubt der Traum die Aufhebung der Gegensätze, insbesondere zur Konvention gewordener Hierarchien: Die drei zentralen Frauenbilder Titania, Hermia und Helena können sich im Feenreich den Ausbruch aus den Geschlechterrollen erlauben, wobei dieses Spiel auch sehr konkrete Züge annimmt.

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Oberon (Ks. Máté Sólyom-Nagy, links) hadert mit dem Wunsch seiner Gattin Titania (Julia Neumann), den indischen Knaben zu adoptieren (mit Julian Freibot rechts; L. Edelhoff, Theater Erfurt).

So möchte der patriarchalisch aufbegehrende Egeus seine Tochter Hermia standesgemäß mit Demetrius verheiraten, die aber Lysander zugetan ist, bleibt Helena felsenfest in Demetrius verliebt. Feenkönigin Titania hat ihrem Gatten Oberon den Umgang abgeschworen, zudem ist sie des Ehebruchs verdächtigt, Umstände, die zu William Shakespeares und hundert Jahre später zur Zeit Henry Purcells (1659 – 1695) streng geahndet wurden: In dessen Oper The Fairy Queen, in London uraufgeführt 1692, erscheinen durch die Librettotexte in den ohrenschmeichelnden Arien und Duetten freilich die gesellschaftlich geächteten Verhaltensweisen in der Liebe von Mann und Frau aufgehoben, wird der Akzent auf die Versöhnung der Unterschiede und Polaritäten gesetzt. Dass der womöglich gehörnte Feenkönig Oberon seine Gattin demütigen will, indem er sie durch einen Zaubersaft in einen Esel verliebt macht, entspricht, wenn auch auf märchenhafte Weise, ganz der dem Mann der frühen Neuzeit zugestandenen Sanktionsgewalt.

Titania im Kreis der Elfen (Julia Neumann, Julian Freibott; Foto: L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Milena Erlhof verweist in diesem Zusammenhang auf die väterliche Verfügungsgewalt, die hier dem Herrscher Theseus zugestanden wird und die er auch ausübt, wobei doch gerade im elisabethanischen Zeitalter das häusliche Privatleben in einer Krise steckte, da Ehemänner Ungehorsam und Untreue seitens ihrer Frauen fürchteten. Also lag es nahe, mit dem Schauspiel einfach die Wiederherstellung der Ordnung zu behaupten. Und doch war wohl auch der maßgebliche britische Barockkomponist Henry Purcell überzeugt, dass sich im „freien Spiel der Kräfte“ das Menschenmögliche realisieren kann, solange die Liebe das letzte Wort behält.

Nahezu unsichtbar geführt von Puppenspielern des Theaters Waidspeicher: der indische Knabe (mit Andreas Karasiak und Julian Freibott als Elfen; L. Edelhoff)

 

 

Dem Gesamtkonzept der Erfurter Fairy Queen mit Premiere am 18. Mai dieses Jahres, das Thomas Lamers zusammen mit der Regisseurin und Puppenspielexpertin Ulrike Quade und der Choreographie Ester Ambrosinos verantwortet, ist aber nicht an einer Versöhnung der Gegensätze gelegen, sondern das barocke Welttheater des 17. Jahrhunderts abzubilden.

Insofern verwundern die nahezu pleonastisch eingesetzten Hinweise auf das „Memento mori“ neben den Ränken und Liebesbekundungen der antikisierten Figuren im Dasein wie in der feenhaften Sphäre des Waldes vor Athen nicht. Sogar das Schlusstableau mit gefallenem Vorhang verzichtet auf das an die Vergänglichkeit gemahnende Requisit des Totenkopf vor der Bühne nicht, gemäß der Emblematik zur Zeit von Purcells „Masques“, zu denen auch The Prophetess, King Arthur und The Indian Queen zählen. Anders nämlich als in der deutlich kürzeren „echten“ Oper Dido und Aeneas von 1688 wurden gemischte Aufführungen populär, in denen sowohl Elemente des Masken- und Verwandlungsspiels als auch Ballette zur Unterhaltung des Publikums beitrugen.

Spectaculum Mundi: Aus dem Himmel fallen bunte „Müllsäcke“ unter die Schausoieltruppe und die Elfen (Lutz Edelhoff, Theater Erfurt).

 

Das Ballett eröffnete der Regie die Möglichkeit, ausladenden Gebrauch von der Gestik und damit der Figuralästhetik des Barockzeitalters zu machen: Bewegungen dienen nicht allein dem Fortgang der szenischen Handlung, sondern deuten auch innere Ursachen und emotionale Regungen und Zustände aus. In gelungener Form und moderatem Tempo, das den Zuschauern den gedanklichen Nachvollzug der Gesten erlaubte, führte dies bereits während der ersten längeren orchestralen Passage der Aufführung Kammersänger Máté Sólom-Nagy in der Rolle des Athener Herzogs Theseus vor. Überzeugend agierten die Ausführenden des Tanztheaters Erfurt in sehr natürlichem und häufig akrobatischem Spiel.

Kampf der Rivalen um Hermias Gunst: Demetrius (Daniel Medeiros) und Lysander (Emanuele Rosa; L. Edelhoff, Theater Erfurt)

Beeinflusst durch einen Aufenthalt beim japanischen Puppenspielkünstler Hoichi Okamoto gelang darüber hinaus Ulrike Quade mit den sechs Puppenspielern des Theaters Waidspeicher eine berückend echt wirkende Animation auf einem wichtigen Nebenschauplatz. Der indische Junge, um dessen Adoption sich zwei Frauenfiguren streiten, wird hier ebenso wirklichkeitsgetreu zum Leben erweckt wie die Puppe Titanias, die den Esel liebt; beide hölzernen Protagonisten verkörpern schließlich irreale Figuren aus dem imaginierten Feenreich. Marc Warnings Bühnenbild tat ein Übriges. um die Illusion zweier übergroßen Quallen mit ihren phosphoreszierenden Tentakeln ebenso zu erzeugen wie eine symbolische Repräsentation des Waldes und der Fantastik der Shakespeareschen Märchenwelt als solcher. Für einen Moment erinnerten die bunten, an Seile gebundenen Bündel, die vom Bühnenfirmament hingen, auch an die absurden Instrumentenerfindungen des Komponisten Harry Partch.

Javier Ferrer Machin (Tänzer), Daniela Gerstenmeyer (Vertraute Hippolytas/Titanias, Frühling), Manuel Schuler (Tänzer), Tabea Wittulsky (Tänzerin; Foto: Lutz Edelhoff, Theater Erfurt)

Die Erfurter Inszenierung einer Purcell-Masque stellte in der Tat ein Wagnis dar, denn an welchem deutschen Theater gelingt auf der großen Bühne sonst die Umsetzung eines Musiktheaterwerks aus der Zeit vor Händel – und vor allem mit einem nahezu komplett ausgebuchten Haus? Samuel Bächlis ausgeklügeltes Besetzungskonzept für das Orchester schuf gleichermaßen einen saalfüllenden Raumklang, nicht zuletzt dank des sehr präsenten Spiels der Kontrabässe, der Erzlaute und Ralph Neuberts Cembalopart im Basso continuo. Der sanft-elegische Charakter der Arien und Duette wirkte in dieser Umsetzung ebenso betörend wie das Zusammenspiel von Fagotten und Oboen. Überrascht sein durfte das Publikum bald nach Beginn des zweiten Teils nach der Pause, als die Geister sich dem Festesrausch hingeben, von einem New Yorker Boulevardstück, das der Dirigent des Abends, Samuel Bächli, nahezu übergangslos und mit Eleganz in Purcells Musik einzubinden verstand.

Hippolyta alias Titania im Kreis der Elfen (Julia Neumann, Tänzer/innen des Tanztheaters Erfurt; Foto: Lutz Edelhoff)

Unter den Sängern vermochte allen voran Máté Sólom-Nagy mit seiner deklamierender Sprechstimme zu überzeugen, Julia Neumann verzauberte in ihrer Solo-Arie als Titania die Zuhörer, Katja Bildt als Puck und Daniela Gerstenmeyer in der Rolle von Hippolytas Vertrauter ebenso wie der Tenor Julian Freibott als Amazone und Elfe erwiesen einmal mehr ihre überragende stimmliche (und schauspielerische) Kunst.

Weitere Termine The Fairy Queen:
10.6.2019 18.00 Uhr
14.6.2019 19.30 Uhr
16.6.2019 18.00 Uhr

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.