(Authentische?) Musikzeugnisse aus Islands Mittelalter

Tvísöngur und Ríma

Angesichts des Umstandes, dass von einem klassischen Musikleben (west-)europäischen Zuschnitts auf Island infolge der späten Etablierung einer Kompositionsschule erst seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts wirklich die Rede sein kann, mag manche/r staunen, dass die nicht nur mündliche Überlieferung folkloristischer Musik denkbar tief ins Mittelalter zurückreicht. Im wesentlichen sind hier zwei getrennt voneinander gepflegte Gattungen zu unterscheiden, die Tvísöngvar, zu deutsch Zwiegesänge und die Rimur oder Reimgedichte, die auch anderswo im nordisch-skandinavischen Raum beheimatet sind.

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Frontispiz von Gramanns Ausgabe isländischer Rímur (National and University Library of Iceland, 1895, Isl. p.d.)

Letztere entleihen ihre Themen zwar den altnordischen Sagas, wurden (und werden) aber wie die Balladen als Tanzlieder wie viele Folkeviser und Kaempeviser aufgeführt, nicht im einfachen Sinn „deklamiert“. Der Bestand ist reich, das tatsächliche Alter ungewiss, auch wenn die Belege bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Im Zeichen der isländischen nationalromantischen Orientierung wurden die mehr als 1000 (!) erhaltenen Rímur-Zyklen etwa zwischen 1750 und 1900 schriftlich fixiert, waren aber bereits über viele Generationen tradiert worden.

Eines der ältesten isländischen Kulturzeugnisse zeigt König Gylfi und wurde im 18. Jahrhundert von Árni Magnússon ediert (Manuscript Gylfi, SÁM 66, Isl., US p.d.).

Ungestört vom Wechsel der norwegischen Vorherrschaft über die nördlichste Insel Europas zur dänischen Oberhoheit um 1380 lebten die Rímur ebenso wie Tvísöngvar in der folkloristischen Überlieferung fort. Die absolute Besonderheit der Zwiegesänge im Hinblick auf die gesamte europäische Musikgeschichte besteht darin, dass es sich um die einzige historische Form noch heute praktizierter Mehrstimmigkeit aus dem Mittelalter handelt. Die Stimmen werden dabei in Quintparallelen geführt, eine intonierende Männerstimme wird von einer folgenden Stimme ergänzt. Stimmkreuzungen ergeben sich aus dem Lagenwechsel der folgenden mit der ersten Stimme, die von der Oberquinte in die Unterquinte fällt und vice versa steigt. Aus den im Verhältnis zur Schlichtheit des kirchlichen Organums äußerst vielfältigen Kompositionsregeln der Tvísöngvar erklären sich wohl überhaupt Entstehen, Ausprägung und Ausbreitung mehrstimmiger Musik in Europa.

Ausschnitt aus: Núma rímur von Sigurður Breiðfjörð (1798-1846), gesungen von Þuríður Friðriksdóttir (1887-1954) zwischen 1934 und 1939

Literatur u.a.:
Hallgrímur Helgason: Das Heldenlied auf Island. Graz 1970.
Hjálmar H. Ragnarsson: A Short history of Icelandic Music to the Beginning of 20th Century. O. O. 1980.
Árni Heimir Ingólfsson: „These are the Things You Never Forget“: The Written and Oral Traditions of Icelandic Tvísöngur. Diss. Harvard 2003.

Die Lösung zum Rätsel vom 14.6.2019 lautet: Ludmila Uhlela.

 

 

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.