Amusio Assessment Center (13)

Gaudi mit Erleuchtung und Eklipse

Mirco Magnani & Lukasz Trzcinski: „Lumiraum“ (Undogmatisch)

Mirco Magnani & Lukasz Trzcinski – Lumiraum (Undogmatisch)
Der Versuchung nicht gerade abgeneigt, das eigene Schaffen hindu-esoterisch zu verklären, bemühen Magnani und Trzcinski beim Packaging des ihrem in Berlin entstandenen Albums
Lumiraum (nicht: Lumi-Raum!) spirituelle Bezüge. Derer es gar nicht benötigt hätte, um die transzendental veranlagte Reichweite ihres gemeinsamen Projekts zu exemplifizieren. Erschließt sich diese doch von ganz alleine, geradezu wie selbstverständlich. Indem der „kosmogonische Eros“ (Ludwig Klages) ohne Umschweife stimuliert wird, nimmt das Unbenennbare dezent angedeutete Formen an. Zumindest sobald die Analyse der Einfühlung weicht. Und hierzu genügt das Momentum eines Willens, der sich als willfährig erweist, wenn die Verführung zur emotionalen Selbsterkenntnis lockt. Oder eben – dieses beglückende Dokument vitalistisch exploitierter Elektronik plus X.
facebook.com/tcomircomagnani

Antwood: „Delphi“ (Planet Mu)

Antwood – Delphi (Planet Mu)
Als gleichermaßen einer – variabel ausstaffierten – Erkenntnis individualisierter Hemisphären förderlich erweist sich das dritte Album des Tristan Douglas. Unabhängig davon, ob er hiermit nun das Orakel befragt oder selbst die Antworten auf (vielleicht zuvor noch nicht) gestellte Fragen gibt. Wuchtig und filigran (mal im Wechsel, mal simultan) erbringt er den Beweis, dass sich züftige Club-Atmosphäre und systemisches Fädenziehen einander auf wundersame Weise ergänzen. Gebärdete sich der Vorgänger Sponsored Content noch als resignatives Konvolut aus Verzweiflung und Weltflucht, greift Delphi beherzt nach den Schätzen der Verheißung. Immersiv anregend – und ansprechend reichhaltig texturiert – sollten sich anhand dieses fulminanten Dokuments einer gütlich gelungenen Selbstüberwindung sogar entgiftende Effekte einstellen.
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Hüma Utku: „Gnosis“ (Karlrecords)

Hüma Utku – Gnosis (Karlrecords)
Bei der türkischen Klanggestalterin Hüma Utku sieht die Sache freilich schon wieder ganz anders aus. Plädiert sie doch auf ihrem Debütalbum für den Mut, sich sukzessive von den Regularien der Stagnation zu befreien. Also entfaltet sie – mit Bedacht und Schicht für Schicht – eine ambient-abstrakt gehaltene Synthese aus Vorstellung und Erfahrung. Mit stets unheilvoll fundiertem Unterton. Jedoch zugleich derart rhythmisch dynamisiert, dass die Billigung von a priori nicht abzuwägenden Nebeneffekten (Scheitern, Irrsinn, Siechtum) das Gespür für die Gnosis an sich – als paraphrasiertes Verlangen nach der Erweiterung von Erfahrungshorizonten – nur noch weiter schärft und stimuliert. Als ein „Gift From The Dark Ages“, welches sich nicht zwangsläufig als die Konserve einer gewissen Pandora erweisen muss. Erst recht dann nicht, wenn man – wie Hüma Utku – behutsam vorgeht. Und eben nichts überstürzt.
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Membranes: „What Nature Gives … Nature Takes Away“ (Cherry Red Records/Rough Trade)

Membranes – What Nature Gives … Nature Takes Away (Cherry Red Records/Rough Trade)
Eine derartige Langmut lassen John Robb und Co. insgesamt seit 1977 vermissen. So bündelt auch das nunmehr neunte Album der Band-Historie sämtliche Ingredienzien, die ein veritabler Kanonenschlag benötigt, um auch in unseren vorlauten Zeiten vernommen zu werden. Und noch jede Menge mehr. So etwa einen räudiger Chor, um nur ein besonders auffälliges Merkmal hervorzuheben. Weiterhin außergewöhnlich: die nahezu komplett ausgefüllte Laufzeit eines Tonträgers namens CD. Wenn schon Album, dann richtig. Auf die lange Distanz, immer wieder in die Fresse. In einer vernunftbegabten Menschenwelt müssten die Membranes angesichts des noch immer nicht abebbenden Post Punk-Revivals höchste Beachtung erlangen. Ob sie diese mit ihrem grimmig durchdachten Meisterwerk auch erlangen werden, muss leider bezweifelt werden. Ist aber auch nebensächlich. Geht ja eh alles den Bach runter. Alles für die Katz? Dann wird es Zeit. Für genau diese Platte!
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The Violent Years: „Via Antarctica“ (Apollon Records/Membran)

The Violent Years – Via Antarctica (Apollon Records/Membran)
Auf ihrem dritten Album agieren die Norweger ungefähr so, als habe der Membranes-Geist in ihren Sinn für flockigen Americana-Wave (à la Madrugada, um mal die Landsleute als Referenz anzugeben) geschissen. Oder vielleicht war es doch nur der allgegenwärtige Trend, der ebenso ubiquitären Misere ins starre Auge zu schielen, der auch The Violent Years davon überzeugt hat, dass sich Wolkenkuckucksheim überlebt hat? Selbst wenn ab und an noch der Eindruck erweckt wird, mit gängigen Song-Standards zu hantieren, dauert es meistens nur eine Handvoll Takte, bis ein Zynismus durchbricht, der mindestens als gerecht gewieft zu bezeichnen ist. The Violent Years – sie sind (noch) rauer geworden. Allein ihr Sinn für geschmeidig inszenierte Abläufe ist unbefleckt geblieben. Rebels With A Cause – ernsthaft und entstaubt – willkommen im Hier und Jetzt.
facebook.com/violentyears

Alwanzatar: „Helsfyr Terminal Ekspress“ (Apollon Records/Plastic Head)

Alwanzatar – Helsfyr Terminal Ekspress (Apollon Records/Plastic Head)
Nochmals Norwegen: Alleinunterhalter Krizla dürfte so manchem Freund nordischer Klänge noch als Mitglied der verblichenen Kultband Tusmørke in Erinnerung geblieben sein. Dieser ergeht sich auch auf seinem bereits dritten Soloalbum an gut durchgeknallten Psych-Synthsounds. Gut meint in seinem Falle: organisch strukturiert und somit jederzeit barrierefrei nachvollziehbar. Mit seinem Hang zur Einbeziehung von folkloristischen – quasi naturbelassenen – Elementen (bevorzugt der Flöte) erhebt Krizla als Alwanzatar zurecht den Anspruch, einen signifikant eigenen Stil zu zelebrieren. Auf Helsfyr Terminal Ekspress erstmals in einer Weise, die den eigenen Manierismus überwindet. Und zu einem Ergebnis führt, das nicht nur als eine Ansammlung schräger Ideen funktioniert. Sondern erstaunlich munter durch eine näher kaum zu klassifizierende Eigenwelt kreiselt. Das macht echt Spaß!
facebook.com/alwanzatar

Suicide: „Suicide“ – Re-Release (Mute/BMG)

Suicide – Suicide Re-Release (Mute/BMG)
Spaß zu machen, bzw. ihn zu haben, beruht nicht unbedingt auf Willensentscheidungen. Das haben Suicide – Alan Vega und Martin Rev – von Beginn an kapiert. Auch darum erübrigt es sich, die Bedeutung ihres Debütalbums von 1977 an dieser Stelle zu rekapitulieren. Vielmehr soll abschließend auf dessen für den 12. Juli anberaumte Wiederveröffentlichung – im Rahmen der Reihe „The Art of the Album“ – hingewiesen werden. Ob als CD im Hard-Back-Book-Format oder auf Vinyl (mit exklusivem Kunstdruck) – es gibt kein Vertun.

Ghost Rider
:
youtube.com/watch?v=Qn0_fDjvI_s

 

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