Musik der Karibik LXIV

Der Bananenbaum

Sklavenaufstände auf Santo Domingo und die daraus resultierenden Unsicherheiten und Gefahren, die nicht zuletzt vom Establishment selbst ausgingen, zwangen die Großeltern des späteren Komponisten Louis Moreau Gottschalk von mütterlicher Seite zur Auswanderung in den Südosten der USA, und hier gerade in dessen Hochburg „schwarzer“ Musik, nach New Orleans. Dorthin hatte es seinen Vater, einen Anfang der 1820er Jahre aus London emigrierten sephardischen Juden, verschlagen.

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Moreau Gottschalks Stück ‚The Banjo‘ entstand auf der Basis eines „grotesken Sketchs“ im Jahr 1855 (Houghton Librar, Harvard University, US p.d.).

Louis Moreau wuchs in New Orleans zwischen den Klangwelten der Kreolen häufig karibischer und afroamerikanischer Herkunft auf, was ihn mit der gleichzeitigen Absicht, eine geregelte klassische Ausbildung zu durchlaufen, schon früh zu einem versatilen Musiker machte. Zwar nahm ihn  wegen seines amerikanischen Passes das Pariser Konservatorium nicht auf, doch hatte er in der französischen Hauptstadt bereits bei Halévy und Berlioz sowie Pierre Maleden Komposition studiert, bei Camille Stamaty Klavier. Selbst Chopin war anwesend und gratulierte, als er im Salle Pleyel 1845 am Flügel debütierte.

„Der Bnanenbaum“ titulierte der texanische Pianist Ivan Davis seine Auskoppelung von Stücken aus dem großen Klavieroeuvre von Louis Moreau Gottschalk (Albert Bierstadt: Banana Trees. Museum of Fine Arts, Boston, 19. Jh., US p.d.).

Der Durchbruch als Komponist kam erst vier Jahre später; gerade Gottschalks afrikanisch gefärbtes Klavierstück Bamboula, Danse de nègres, stieß ebenso wie die kreolische Ballade La savane auf offene Ohren und machte ihn in der Publikumsgunst fast über Nacht zum „amerikanischen Chopin“. In Folge ging er mit einem Programm auf weltweite Tournee, das nach dem Zuschnitt der 1860er Jahre bemerkenswerterweise sowohl populäre als auch Kunstmusik enthielt; er selbst komponierte The Dying Poet und The Last Hope gewissermaßen für die Salons gebildeter Schichten. Noch vor Scott Joplin schrieb er in einem rhythmisch eingängig pulsierenden synkopierten Stil, der ihn in gewisser Weise zum Vater des Ragtime und ebenso des Jazz werden ließ. Bei aller „federleichten“ Hörbarkeit vieler seiner Werke erwiesen sich diese doch für Ausführende als technisch schwierig.

Louis Moreau Gottschalk (1829 – 1869) erwies sich nicht nur als hochbegabter und die Entwicklung zum späteren Jazz anstoßender Komponist wie Pianist, sondern ebenso als Organisationstalent (bei einem Aufenthalt in New York City, 1853, Nagel & Weingärtner, US p.d.).

Zwischen 1856 und 1862 zog es den unter anderem mit Georges Bizet und Camille Saint-Saëns befreundeten Komponisten immer wieder zu längeren Aufenthalten in die Herkunftsregion seiner Großeltern in die Karibik. 1865 musste er wegen einer Affäre nach Südamerika fliehen, wo er seine Symphonie La nuit des tropiques schrieb und Musikfestivals organisierte; bis zu seinem Lebensende blieb er in Brasilien.

Im Zeitalter der Schallplatte und schließlich der digitalen Tonträger stieß Gottschalks Solo-Klaviermusik spätestens 1972 auf großes Interesse, nachdem der Texaner Ivan Davis seine Stücke unter dem auf die karibische Herkunft und das spätere Leben in Brasilien anspielenden Sammeltitel Le Bananier („Der Bananenbaum„) beim Label Decca eingespielt hatte. Der Erfolg zog weitere Aufnahmen aus Gottschalks nicht eben schmalem Oeuvre durch Philip Martin, Georges Rabol und die Pianistin Jimin Oh-Havenith nach sich.

Diskographie

Literatur u.a.
James E. Perone: Louis Moreau Gottschalk. A Bio-bibliography. Westport / Connecticut 2002.

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Über Dr. Hanns-Peter Mederer

Kulturwissenschaftler in Erfurt, Studium der Literaturwissenschaft, Europäischen Ethnologie, Musikwissenschaft und Gräzistik vor allem an der Universität Hamburg, seither tätig im Verlagsgeschäft und in der Publizistik, besondere Interessensgebiete: Reisen und Musik verschiedener Länder.